Lohnende Lyrik

20. Juli 2008

Man könnte meinen, einzelne meiner Mit-Ex-Examis hätten nebenbei Germanistik studiert. Wie sonst hätte im Rahmen der offiziellen Zeugnisübergabe am Freitag dieses Gedicht verlesen werden können?!

Der Prüfkönig

Wer schreitet so eilig geschniegelt, kokett?
Es ist der Prüfling mit seinem Jackett.
Er hat das Wissen wohl im Hirn,
doch kann er bieten dem Prüfer die Stirn?

Mein Wissen, was bist du so unstrukturiert?
Wir werden dem Prüfer gleich vorgeführt.
Dem Prüfer, der thront auf Weisheit pur!
Mein Kind, auch der kocht mit Wasser nur.

Du lieber Prüfling, übersetze mir!
Einen suffigierten Hifil habe ich dir!
Non scholae sed vitae discimus
nach 20 Minuten ist auch schon Schluss.

O Prüfling, O Prüfling, O merkest du nicht,
wie die Logik der eigenen Sätze zerbricht?
Sei ruhig, ich habe doch redlich studiert,
den halben Regenwald verkopiert.

Auch wenn ich weiß, es ist eine Qual,
zier’n sie sich nicht, entwickeln sie mal!
Ihre Gedanken will ich in voller Gänze,
sie seien auch hart an der Nonsens-Grenze.

O Prüfling, O Prüfling, und siehst du nicht dort
des Prüfers Gesellen an düsterem Ort?
Mein Wissen, mein Wissen, es ist in der Tat
der Stuttgarter Oberkirchenrat.

O Prüfling, die Prüfung nimmt gar kein End!
Der Prüfer sich immer noch an dich wend’!
Nun spricht er schon ganz fordernd zu dir –
Und passt du nicht auf, dann wird’s noch ‘ne Vier!

Oh Logik! Mich reizt deine schöne Gestalt –
selbst vor der Theodizee mache nicht halt!
Mein Wissen, mein Wissen, das wär doch gelacht!
Nun grüble und denke doch – bis es kracht. 


Der Prüfling sauset, er schreitet adrett,
er hält in den Armen das verschwitzte Jackett.
Erreicht das Heim mit Müh und Not,
in seinen Armen: Das Jackett war tot.

 

Ein Kommentar zu “Lohnende Lyrik”

  1. Johanna meint:

    Komisch, Daniel… ich hab eben dein Jacket noch ganz lebendig über deinem Schreibtischstuhl hängen gesehen! :-/ Naja, ich hab’s für dich erledigt und es noch nachträglich kaputt gemacht – wär’ ja doof, wenn sich das Gedicht nicht erfüllt!

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