Lohnende Leerstellen

26. Juni 2012

Biblische Erzählungen sind voll von Details. Zugleich finden sich in den Texten manchmal überraschende Auslassungen. Die Methode des Bibliolog lebt geradezu von dem, was nicht gesagt wird (dem »weißen Feuer« zwischen den Zeilen des »schwarzen Feuers«). Und oft sind es vielleicht gerade die Leerstellen, die uns persönlich in die biblischen Zusammenhänge eintauchen lassen. Ein Beispiel ist mir in diesen Tagen wieder begegnet. Auf ein anderes hat man mich neu hingewiesen.

  • In der Emmaus-Erzählung in Lukas 24,13-35 trägt nur einer der beiden Jünger einen Namen: Kleopas (Lukas 24,18a). Der andere bleibt namenlos. Vielleicht hieß er Daniel? Oder Daniela? Wir können ihm unseren eigenen Namen geben. Und sind prompt mit Jesus auf dem Weg.
  • »Lass’ dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«, bekommt Paulus in 2. Korinther 12,9 von Gott zu hören. An welcher Schwäche hat Paulus eigentlich gelitten? An Epilepsie? An Kleinwüchsigkeit? An einer zu hohen Stimme? Die Exegeten überbieten sich gegenseitig mit skurrilen Thesen. Aber nur die Leerstelle macht es uns möglich, an unsere eigene Schwäche zu denken …
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    Ein Kommentar zu “Lohnende Leerstellen”

    1. IWe meint:

      Über den zweiten Jünger in der Emmaus-Geschichte habe ich eine sehr spezielle Vermutung, mit der ich dieses Jahr in der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gearbeitet habe, was die Wahrnehmung des Textes – nach Aussagen der Teilnehmenden, die die Geschichte schon kannten, sehr verändert hat:
      Teil 1 (Vorbereitung):
      http://bibliologberlin.wordpress.com/2012/04/22/unterwegs-nach-emmaus-ein-interreligioser-dialog-teil-1/
      Teil 2 (Durchführung):
      http://bibliologberlin.wordpress.com/2012/05/03/unterwegs-nach-emmaus-ein-interreligioser-dialog-teil-2/

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