Lieber Herr Drehsen, …

14. April 2013

… lange habe ich abgewogen, ob ich diesen Brief schreiben soll. Ihr unerwarteter Tod am Karsamstag hat auch mich getroffen. Und es ist ebenso erwartbar wie richtig, dass in den offiziellen Verlautbarungen ausschließlich Ihre Verdienste und Stärken aufgezählt werden. Auch ich bin dankbar, Ihnen begegnet zu sein – in diversen Büchern, bei einem Tübinger Seminar zu »Schleiermachers Grundlegung und System der Praktischen Theologie« … und last but not least beim mündlichen Examensgespräch. Ihre pointierte Sicht der Dinge hat mich herausgefordert – und in nicht wenigen Fragen umdenken lassen.

Gleichzeitig merke ich aber mal wieder: Zum Abschiednehmen gehört auch die Erinnerung an Schattenseiten. An nicht so Schönes. Weil auch das einen Menschen ausmacht – und die Erfahrungen mit ihm. Konkret im Blick auf Sie würde ich sogar sagen: Sie hätten mich nicht so entscheidend weitergebracht, … wenn ich mich nicht so regelmäßig über Sie geärgert hätte. Widerspruch erzeugt Reibung und Energie.

Da war zum Beispiel Ihre Art, mit Kritik umzugehen. Wo es in besagtem Seminar zu grundsätzlichen Anfragen kam, da wurde Ihre doch eigentlich so protestantisch-weite Theologie auffallend eng. Wie kitschig-bürgerlich-selbstbezogen etwa Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers »Weihnachtsfeier« (immerhin vor über 200 Jahren verfasst) aus heutiger Perspektive wirken kann muss, … das wollten Sie partout nicht wahrhaben. In postmodernen Zeiten etwaige Schwierigkeiten volkskirchlicher Verhältnisse zu thematisieren, hielten Sie für rundum überflüssig. Und mit Ihrem – unbestritten genialen – Humor haben Sie ein ums andere Mal sarkastisch gegen Kolleg(inn)en polemisiert (etwa gegen den damaligen EKD-Ratsvorsitzenden, den Sie nie mit Namen nannten). Die Lacher hatten Sie dann auf Ihrer Seite. Aber Dialog stelle ich mir anders vor.

Im Schleiermacher-Seminar waren wir – mit Ihnen – nur zu sechst. Zufall? Oder Abstimmung mit den Füßen? Dass viele Kommiliton(inn)en lieber vorher die Uni wechselten, als das homiletische Proseminar bei Ihnen zu absolvieren (wo die studentischen Predigten bewusst nicht im gemeinsam gefeierten Gottesdienst gehalten, sondern steril verlesen wurden), – haben Sie das als persönliche Anfrage verstanden? Oder als Erweis wahrer Rechtgläubigkeit (ein Kollege bezeichnete Sie mal scherzhaft als »letzten Kulturprotestanten des Abendlandes«)? Schade war es doch allemal! Ich hätte es wesentlich mehr Menschen gegönnt, in den Genuss Ihrer theologischen Impulse zu kommen! Aber die Schwellen waren manchmal allzu hoch, fürchte ich …

Nach Abschluss meiner Uni-Laufbahn bin ich Ihnen noch ein-, zweimal über den Weg gelaufen. Ich erinnere mich gut an Ihr Grußwort der Theologischen Fakultät bei einem Pfarrertag. Auf mich wirkte es ebenso gelungen wie gönnerhaft. Zwischen den Zeilen schwang da so etwas mit wie: »Freut euch über das denkerische Niveau hier, … bevor ihr in die niederen Gefilde eurer Kirchengemeinden zurückkehrt!« Ein selbstverliebter Gruß aus dem Elfenbeinturm, zugespitzt formuliert … Auch das fand ich schlicht schade, – weil Sie die »Theorie der Praxis« (ebenso wie Schleiermacher) doch (hoffentlich) ganz anders verstanden haben. Und weil es doch tatsächlich Ihr Ziel war, »tragfähige Brücken zwischen wissenschaftlicher Theologie und verfasster Kirche« zu bauen.

… so weit meine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen. Als abschließendes Urteil über Sie haben die noch nie getaugt. Und jetzt erst recht nicht mehr, Gott sei Dank. Auch ich würde dereinst gerne ’ne Tasse Kaffee mit Ihnen trinken. Wenn Sie nichts dagegen haben, natürlich nur.

Ihr Daniel Renz

 

4 Kommentare zu “Lieber Herr Drehsen, …”

  1. Tobias Lampert meint:

    Mutig! – weil Kritik in einem “Nachruf” immer in der Gefahr der Pietätlosigkeit steht. Gelungen! – weil Deine Kritik von so viel aufrichtigem Respekt für den Verstorbenen durchdrungen ist, dass man wohl feststellen darf: “Gefahr gebannt!”

  2. Sabine Löw meint:

    wow, Daniel !

  3. Johannes Gruner meint:

    Lieber Herr Renz,

    jetzt habe ich verstanden, warum man über Tote nichts Schlechtes sagen soll. (Ob man immer nur Gutes sagen soll …?) Das, was Sie nach Drehsens Tod aus- und anzusprechen meinten, jetzt zu sagen, wo er Ihnen nicht antworten kann, ist m.E. feige. Und ihn dann ansprechen? Als nachdenklicher und guter Pfarrer wissen Sie, dass es zweifelhaft ist, Tote anzusprechen. Das überlassen wir doch lieber den weniger Geübten vom Sängerbund und Turnverein.

    Kurz: Si tacuisses … Oder: Wenn Sie sich über jemanden ärgern, dann sagen Sie es zu zu Lebzeiten – und mag er noch so ätzend und zynisch sein. Wer kritisiert, hat dies auszuhalten.

  4. Daniel meint:

    Danke für Ihre offene Rückmeldung, lieber Herr Gruner! Die weiß ich zu schätzen. Und ich denke darüber nach.

    In der Wendung »De mortuis nil nise bene« (auf die Sie vermutlich anspielen) ist »bene« allerdings nicht Adjektiv, sondern Adverb. Es geht also darum, über Tote »nichts auf schlechte Weise« zu reden. Und das habe ich in meinem öffentlichen Brief, bei aller Kritik, versucht. Ob es mir gelungen ist, darüber kann man natürlich streiten. Und dass ich zu Lebzeiten bei mancher Gelegenheit noch deutlicher Einspruch hätte erheben müssen, – keine Frage.

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