Lern-Literatur

24. Februar 2008

Diese Woche steht stand nochmal Kirchengeschichte auf dem Programm. So kurz die mündliche Prüfung nachher wird (30 Minuten), so gewaltig ist die Zeitspanne, die man dann halbwegs kennen sollte: 1.500 ereignisreiche Jahre…

Das Nonplusultra der neueren Fachliteratur scheint »Wissenschaftlichkeit« zu sein – ein Terminus, der selten angemessen reflektiert wird, sich aber vor allem durch eins auszuzeichnen scheint: Dröge, gedrungene Gedankenführung ohne jeden Schnörkel.

Doch so nüchtern die Beschreibungen mitunter ausfallen – man macht sich halt trotzdem so seine Gedanken über die Typen und Charaktere, die einem da über den Weg laufen. Ob Marcion oder Julian »Apostata« – was in der Vergangenheit der Kirche gedacht, gesagt und getan wurde, bewegt und beschäftigt mich. Und in erfreulich vielen Überblicksvorlesungen bekommt man den Eindruck, dass es den Professoren ganz genauso geht – auch wenn sie das nicht ähnlich offen zugeben dürfen.

Deswegen greife ich hin und wieder zu derjenigen Art von Literatur, die einem gewöhnlich – z.B. in besagten Vorlesungen – als »eine Art tendenziöser Darstellung« vorgestellt wird, »die Sie heute nicht mehr rezipieren sollten«. Erst dort wird Kirchengeschichte so richtig spannend!

In Karlmann Beyschlags »Grundriß der Dogmengeschichte« (Band 1) z.B. wird pathetisch dazu aufgerufen, »die Christusgestalt des NT mit den vor- und außerkanonischen Christusbildern des 2. Jh. zu vergleichen, mit der spekulativen Unbeholfenheit der Apologeten, mit der Kümmerlichkeit der apokryphen Evangelienfabrikation und last not least mit dem literarkritischen Riesenunfug Marcions«. Klare Worte! Da erhebt sich »[i]m radikalen Gegensatz zur nicänisch-athanasianischen Richtung … der Neo-Arianismus des Aëtius und Eunomius … zu einer theologischen Doktrin von wahrhaft
trostloser Dürftigkeit.« Und die Trinitätstheologie der »drei Kappadozier« machte es möglich, »den bisherigen theologischen Richtungspluralismus, insbesondere aber die trostlose Gottabgeschnittenheit arianischer Observanz, zu überwinden.« Gott sei Dank!

Nicht weniger profiliert präsentiert sich Walther von Loewenichs »Geschichte der Kirche«: Der erste Band nimmt sich u.a. Papst Innocenz III. gründlich zur Brust: »Seine Anschauung über die Stellung des Papsttums grenzt an Wahnwitz … Alles in allem … die grandiosteste Verkehrung dessen, was Christus wollte, in ein rein weltliches Machtsystem, dem die religiöse Hybris (1. Mos 3,5) an die Stirne geschrieben steht.« Recht hat er! Tröstlich, dass es trotzdem noch Menschen gab, die »in den Wirrnissen der Zeit die schlichte Frömmigkeit des Herzens bewahren« konnten.

Die »Kleine Kirchengeschichte« von August Franzen – ein Werk aus dem katholischen Lager – wirkt insgesamt weniger wertend, besticht aber immerhin durch plastische Adjektive: Papst Johann XII. ist »nichtsnutzig«, Bonifaz eine »üble Kreatur«. Überhaupt treiben die römischen Adelsgeschlechter ein »schändliches« Spiel. Und die Ottonenzeit besticht durch ihre »unbekümmerte[] Welt- und Kulturfreudigkeit«.

Solche Zeilen haben nicht nur Unterhaltungswert. In ihrer (teils stark übertriebenen) Schärfe helfen sie mir auch bei der eigenen, persönlichen Positionierung. Und die – so mein Eindruck – bleibt nirgendwo so sehr auf der Strecke wie in Kirchengeschichte.

 

2 Kommentare zu “Lern-Literatur”

  1. Alex meint:

    Den Eindruck hatte ich in meinem kurzen Studium auch hier und da. Dabei ist doch gerade die Geschichte der Kirche ein so wertvoller Schatz an Fehlern und Irrnissen sowie aus Entdeckungen und Wiederentdeckungen, aus denen man ein Menge fürs theologische Urteilsvermögen lernen könnte…

  2. Daniel meint:

    …andererseits lese ich gerade eben den Satz: “Bonifatius und diese [eben weitere] Personen waren zweifelsohne besser in der Lage, das römische Handeln nach seinem Wert und auch einigermaßen nach seinen Triebkräften und Zielsetzungen zu beurteilen als wir.” – Wovor man sich sicher hüten muss, das ist ein selbstverliebt-anachronistisch-pauschales “Abwatschen” ungeliebter “rückständiger” Positionen…

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