Leibhaftig nah

30. März 2011

Das »Dschungelkind« war schon wieder ausgebüchst aus den Stuttgarter Kinos. Unsere Alternative am Sonntag: »Almanya. Willkommen in Deutschland«. Die Geschichte des türkischen Gastarbeiters Hüseyin Yilmaz und seiner Familie – unterhaltsam, liebevoll, für eine Komödie fast zu differenziert-tiefsinnig.

Im Kopf blieb mir, dass Deutsch in türkischen Ohren möglicherweise leicht nach Skandinavisch klingt: Man ahnt, worum es geht – ohne irgendwie mitzukommen. Und – die Unterhaltung des kleinen Muhamed Yilmaz mit seinem besten Freund. Der berichtet, wie es im fremden Deutschland so zugeht: Die Coca Cola fließt dort in rauen Mengen. Die Schattenseite: Deutsche trinken auch Blut. Und essen Menschenfleisch. Immer sonntags, in so genannten Kirchen. Dafür ist auch extra jemand an ein Kreuz genagelt worden…

»Na ja«, dachte ich mitleidig-lächelnd. »Das billige Vorurteil uninformierter Kinder. Das alte Missverständnis. Überzogene Abendmahls-Symbolik.«

36 Stunden später las ich den Predigttext für kommenden Sonntag. Johannes 6,52-65.

Da stritten die Juden untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? (Johannes 6,52-61)

»Ärgert euch das?« Tja, das klingt nun keineswegs spirituell-vergeistigt-übertragen. Sondern auffällig anschaulich. Beim Essen sind wir besonders sensibel. Beim Abendmahl so leise wie möglich schlucken – die Herausforderung! (Vor allem, wenn die Orgel mal nicht spielt.) Damit bloß niemand was mitbekommt von uns… Der Bibeltext aber guckt genau hin. Jesus schaut uns sogar noch in den Mund: Nicht »gegessen« wird hier im Griechischen, sondern »gekaut«, »genagt«, »zerbissen«. Und zusammen mit Fleisch und Blut muss auch unsere Intimsphäre dran glauben.

Wie unangenehm leiblich! Wie intim! Als ob Jesus uns so nah kommt. Als ob er sich hergibt für uns, sich in uns hineingibt, in uns aufgeht… Und als ob das ganz greifbar was mit uns zu tun hat, mit unserem Leben, mit unserem ganz normalen Alltag. Wäre ja noch schöner. Oder?

 

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