Leben als Gespräch?

29. August 2014

Andere Länder, andere Sitten – den Wahrheitsgehalt dieser Binsenweisheit kennt aus eigener Erfahrung, wer je auf einem »typisch orientalischen« Basar eingekauft hat … Aber: Kann man es schöner erzählen als Rafik Schami?

»Well, aber ihr werdet bestimmt nicht glauben, daß die Amerikaner im Geschäft nicht handeln!«
»Wenn sie nicht handeln, was tun sie dann, Fliegen klatschen?« empörte sich Isam.
»Nein, aber du gehst in einen Shop und schaust auf die Preisetiketten, zahlst und gehst.«
»Jetzt übertreibst du aber«, widersprach Isam.
»No, ich habe es am Anfang auch nicht geglaubt, aber als ich der Sprache mächtig wurde, ging ich in ein großes Geschäft, sechs Stockwerke hoch. Alles, was du willst, findest du da: Kleider, Essen, Spielzeug, Stoff, Farbe und Radiogeräte.«
»Das ist ja ein Basar. Ist das alles in einem Haus?«, fragte Musa erstaunt.
»Ja, ein Basar in einem Haus, nur darfst du nicht handeln, Ich weiß, ihr glaubt das nicht, sogar die Augen meines lieben Freundes Salim bezichtigen mich der Lüge.«
Salim fühlte sich ertappt und lächelte.
»Nun, ich bin hingegangen. Ich wollte eine Jacke kaufen. Ich suchte mir eine aus und ging zu einer Verkäuferin. "Wieviel kostet die Jacke?" fragte ich.
Die Frau schaute mich erstaunt an. "Du kannst lesen, Mister, es steht drauf: fünfzig Dollar", sagte sie freundlich.
"Das steht drauf, aber das Leben ist ein Gespräch, Frage und Antwort, Geben und Nehmen! Ich zahle zwanzig", sagte ich ihr, wie jeder hier bei einer Verhandlung anfängt.
"Geben und Nehmen, Frage und Antwort?", stammelte die Frau erstaunt. Sie beruhigte sich aber schnell und sprach laut, da sie dachte, ich sei schwerhörig. "Jacke kostet fünfzig. Einen halben Hundertdollarschein!" Und um sicherzugehen, zeigte sie mir den Preis auf dem Etikett.
"Ist das dein letztes Wort? Ich zahle fünfundzwanzig, damit du ein gutes Geschäft machst."
"Was soll das: letztes Wort? Fünfundzwanzig? Es steht fünfzig drauf. Eine Fünf und eine Null!", schrie die Frau und malte die Zahl Fünfzig auf das Packpaier vor der Kasse.
"Well, ich will nicht knauserig sein und eine junge Verkäuferin enttäuschen, also zahle ich dreißig", sagte ich ihr, denn ich wollte ihr helfen. "Ich bin ein neuer Kunde, und wenn wir uns heute einigen, dann werde ich ein Stammkunde bei dir", fügte ich hinzu, also das, was bei einem Händler in Damaskus den letzten Widerstand bricht.
Die Frau wurde aber nur verwirrter. "Stammkunde? Was ist das? Ich mache hier meinen Job, Mann. Fünfzig. Nimm die Jacke oder laß sie", stöhnte sie ungeduldig.
Ich war verärgert. Doch ich folgte dem Rat meines Vaters. Er riet mir einst: "Wenn ein Händler so dumm ist und dir mit dem Preis nicht entgegenkommt, erhöhst du dein Angebot ein wenig und sagst, ich gehe. Wenn er so dumm ist, daß er die Glocken nicht läuten hört, dann gehst du mit langsamen Schritten hinaus. Dreh dich nicht um, damit er nicht erkennt, daß du an dem Ding hängst. Dreh dich nicht um. Das steht schon in der Bibel! Er wird bestimmt nach dir rufen und mit dem Preis etwas heruntergehen." Mein armer Vater, er hat Amerika nicht erlebt! Ich erhöhte also mein Angebot auf vierzig Dollar und sagte der Verkäuferin: "Wenn du an diesem Tag kein Geschäft machen willst, dann gehe ich zu einem anderen Händler und kaufe die Jacke für zwanzig Dollar dort." Ich ließ die Jacke fallen und ging, ohne mich umzudrehen. In Latakia oder Damaskus hätte jeder Händler mir nachgerufen und versucht, nun das Geschäft zu retten, aber sie rief mir nicht nach. In dreißig Jahren rief mir niemand nach. Ich habe es aufgegeben zu handeln.«
»Nein, ich kann nicht in Amerika leben«, stöhnte Isam.
(Erzähler der Nacht, München (3)1995, 155-157)

 

Ein Kommentar zu “Leben als Gespräch?”

  1. Steffen meint:

    Rafik ist der Beste!

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