Kräftige Erzählungen

20. Oktober 2007

Zwar ist die Zeit der »großen Erzählungen« mit der Postmoderne vorbei (Jean-Francois Lyotard). Keineswegs vorbei ist aber die noch viel größere Geschichte Gottes mit den Menschen, das Evangelium. Und so war es fast vorhersehbar, dass Matthias Clausen in seinem Votrag über Evangelisation »unter nachmodernen Bedingungen« dafür plädierte, in der Predigt ganz bewusst Erzählungen zu verwenden. Zum Beispiel solche aus der Bibel (die – der Grafik zum Trotz – keine Märchen sind!). In Erzählungen wird nicht blutleer-abstrakt argumentiert. Vielmehr vermittelt sich eine Botschaft ganz direkt, ganz lebensnah. Und, das bleibt wichtig angesichts gemischter Gemeinden mit »modernen« und »postmodernen« Menschen bzw. gar solchen Menschen, die »moderne« und »postmoderne« Elemente in sich vereinen: Erzählungen wirken schichtübergreifend.

In der Tat: Auch ich habe es schon erlebt, dass hippelige Jungscharkids, die während der Andacht nichts auf ihrem Stuhl hielt, plötzlich ganz still wurden, als das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt (nicht berichtet!) wurde. Dass JesusHouse-Predigerin Christina Brudereck Zehntausende von Jugendlichen fesselte mit ihren Geschichten aus aller Welt. In Heidelberg habe ich die Auslegung des Alten Testaments als »narrative Poesie« kennengelernt. Und ich bin der festen Überzeugung, dass das demütige Sich-Einlassen auf die kräftigen Erzählungen der Bibel einen Ausweg bietet aus der immerwährend-lähmenden Frontstellung zwischen gleichermaßen modern denkenden »Liberalen« und »Frommen« (siehe auch die Gedanken zu meinem Bengelhaus-»TurmTreff«-Seminar am Anfang des Jahres).

Eine Anfrage aus dem Publikum: Sind Erzählungen nicht am ehesten dem Verdacht von Suggestion bzw. Manipulation ausgeliefert? Sollten wir deswegen nicht ehrlicherweise auf sie verzichten?! Clausens Erwiderung war vielleicht etwas vorläufig: Erstens kann man Geschichten mit anderen Redeformen kombinieren – man kann z.B. dialogisch erklären, warum man zum Stilmittel der Erzählung greift. Und zweitens erzählt uns die Welt am laufenden Band manipulative Geschichten – warum also nicht zur Abwechslung auch mal wir?!

…hier hakte allerdings Michael Herbst ein: Ein Prediger müsse gewisse »homiletische Schutzregeln« für seinen Hörer beachten. Also doch keine Geschichten verwenden?! Was auf dem Symposium nicht geklärt wurde, könnt ihr vielleicht beantworten. Was ist eure Meinung zu diesem Thema?!

 

Deine Meinung?!