Kontakt-Flut…

5. Januar 2007

Nachträglich ergänzte Vorbemerkung: Dieser Beitrag ist der Testballon für ein neues Projekt – »3D Bloggen«. Nein, kein neues Update für deinen Browser. Eine neue Vernetzungsidee: Dave Brunner, Simon de Vries und eben Daniel bloggen zu denselben Themen. Zeitversetzt – und doch gleichzeitig. Machst du mit?! – In einer ersten Reaktion schildert Dave eine typische Situation: An welche Empfänger soll die Rund-email gehen…?! Wer gehört denn nun zu meinen »Freunden«?!

Wie (fast) jeder Apple-User führe ich ein elektronisches Adressbuch – ein Standard-Programm unter Mac OS X. Eltern, Patentanten, Nachhilfeschüler, ehemalige Klassenkameraden, Komiltoninnen, Orchester-Kollegen, Ferien-Bekanntschaften, email-Freunde, … – so gut wie jeder bekommt da seine persönliche Kartei.

Habe eben mal die aktuelle Anzahl der Einträge überprüft – 393 Stück.

So mancher Leser erinnert sich vielleicht noch an meinen persönlichen Datenschutz-Super-GAU, als ich eine Rund-email verschickte und alle Empfänger versehentlich in der herkömmlichen Copy-Zeile platzierte… Und »email« ist überhaupt ein gutes Stichwort. Ich habe die (mittlerweile anstrengende) Angewohnheit, wirklich jede Nachricht auch zu beantworten. In den seltensten Fällen sofort (falls jetzt jemand auf die Idee kommen sollte, das gleich auszuprobieren…). Aber in jedem Fall kostet es ganz schön Zeit. Womit wir schon wieder bei einem meiner Lieblingsthemen wären.

Was noch hinzu kommt: Von vielen weiß ich höchstens Name und Beruf. Hobbys? Hmm, Fußball vielleicht… Lebensziele? Weiß nicht. Aktuelle Lebenslage? Sowieso Fehlanzeige. Wer dann noch ein schlechtes Namensgedächtnis sein eigen nennt, bekommt zu Weihnachten eine Rund-email, deren Absender er gar nicht kennt… (Habe ehrlich nachgefragt – und siehe da…eine Sommerfreizeit von 2004…)

Ähnliches gilt übrigens für die »Freunde« im berüchtigten Studiverzeichnis – für den Fall, dass man die Schallgrenze von 200 oder so überschreitet (was m.E. gar nicht so schwer ist, wenn man nur genügend Leute anschreibt).

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man maximal 150 Leute richtig »kennen« kann. (Diese Zahl dürfte eher noch zu hoch gegriffen sein.)

Aber: Was tun?! Nach dem »Gießkannenprinzip« weitermachen? Alle zwei Jahre mal eine email schicken? Und dementsprechend wenig erwarten?! Ist das eben typisch für unsere Gesellschaft – viel, aber dafür oberflächlich? – Oder ganz rational denken? Nur die Kontakte weiterführen, die »was bringen«? Also gezielt investieren?!

Etwas in mir neigt zu diesem radikalen Schritt…bzw. Schnitt. Es hat ja auch was von Ehrlichkeit – mit sich selber und mit anderen…

Aber da regen sich auch ganz andere Gedanken in mir – und bislang waren die immer noch stärker: Wenn es um Menschen geht – ist dann rein marktwirtschaftliches Denken angesagt?!

Zwei Negativ-Beispiele gehen mir nicht aus dem Kopf:

  • Da ist Fusi, der Friseur – in Michael Endes Roman »Momo«. An sich ein fröhlicher, lebenslustiger Mann – bis ihm einer der grauen Herren akribisch vorrechnet, wie viel Zeit er tagtäglich vergeudet. Eine der wichtigsten Sparmaßnahmen: Seine alte Mutter steckt er ins Altersheim, wo er sie nur noch sporadisch besuchen muss… (Was ihn letztlich nicht wirklich glücklich macht.)

  • Und da ist ein Radio-Interview mit Werner Tiki Mr. »Simplify your life« Küstenmacher, das ich vor ziemlich genau vier Jahren gehört habe. Auch dort ging es um Möglichkeiten, Zeit zu sparen – und eine der Empfehlungen lautete dann sinngemäß: »Die nette Tante, die ich zweimal im Jahr besuche, um mit ihr Kaffee zu trinken… – solche Kontakte führen zu nichts. So was sollte man einfach beenden.«
  • Weder alte Mütter noch nette Tanten stellen einen typischen Ausschnitt aus meinem Bekanntenkreis dar. Und trotzdem: Solche Vorstellungen lassen mich mit einem unguten Gefühl zurück. Obwohl – vielleicht geht es ja nicht anders?! Unsere Kräfte sind definitiv begrenzt. Und wenn die Kontakte überhand nehmen, in die man alleine investiert…

    So weit mal meine Gedanken. Jetzt interessiert mich: Was meint ihr? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Und: Gibt es überhaupt allgemeine Richtlinien? Oder ist das eine Frage des Typs, des Alters oder der freien Zeit am Rechner? Ich bin gespannt…

     

    3 Kommentare zu “Kontakt-Flut…”

    1. Dave meint:

      Schade, dass ich kein Student mehr bin. Sonst könnte ich auch noch in dieses sagenumwobene Studiverzeichnis…. ;-)
      Wie ich ja auch in meinem Beitrag geschrieben habe, finde ich Küstenmachers Ansicht sehr merkwürdig. Scheint mir etwas abgehoben zu sein der gute Mann.

    2. Onkel Toby meint:

      Also grosser Feind der Ökonomisierung sämtlicher privater Bereiche würde ich sagen: Mehr Tanten zum Kaffeetrinken besuchen!

      Natürlich gibt es Kontakte, die sich totgelaufen haben, aber brauch man wirklich für jedes Detail im Leben irgendwelche Richtlinien? Wo ist das gute, alte Bauchgefühl hin, das zumindest mir bei Entscheidungen immer gut geholfen hat?

      Mal ganz abgesehen davon: “Kontakte” ist ein fürchterlicher Ausdruck und bezeichnet m.E. das genaue Gegenteil von “jemanden kennen”. Kontakte kennt man nicht, Kontakte nutzt man. Jemandem, den ich kenne und der mir als Mensch etwas bedeutet, schreibe ich keine mails, wenn ich den Eindruck habe, ich müsste mich mal wieder melden. Den rufe ich an oder besuche ihn.

    3. Daniel meint:

      …guter abschließender Hinweis! Stimmt – den Begriff sollte man wirklich überdenken… Andererseits – was ist die Alternative? “Beziehung”? “Freundschaft”? Davon sollte man ja auch nicht inflationär reden…

    Deine Meinung?!