Kondome als Allheilmittel?

30. April 2009

Wie ich denn die Sache mit den Kondomen so sähe, wo doch der Papst sie mal wieder kategorisch verboten habe. – so fragte vor einigen Wochen Sandra in einem Kommentar hier im Blog. Na, dann mal los… Mit diesem (etwas länglichen) Beitrag verabschiede ich mich ins lange Wochenende. Bin gespannt auf die Rückmeldungen, die ich dann am Sonntag lese!

Zunächst: Wenn es um die Bewertung von Verhütungsmitteln allgemein geht (denn zu denen gehört das Kondom ja mal zunächst, ganz abgesehen von seiner Funktion im Kampf gegen AIDS) – da schließe ich mich (endlich einmal!) dem evangelischen Mainstream an. Die entsprechenden Sichtweisen habe ich im Rahmen meiner Zulassungsarbeit unter die Lupe genommen.

Auch nach protestantischem Verständnis ist die Offenheit für Kinder ein wichtiger Bestandteil jeder Ehe (auch wenn das nicht zur undifferenzierten Abwertung kinderloser Ehen führen darf). »Seid fruchtbar und mehret euch« (Gen 1,26) – diese Aufforderung Gottes im ersten biblischen Schöpfungsbericht kann man nicht einfach übergehen – schon gar nicht, wenn man die Heilige Schrift zur Glaubensgrundlage macht. Widersprochen wird aber der katholischen Auffassung, dass die prinzipielle Offenheit für Kinder in jedem einzelnen Geschlechtsakt zum Ausdruck kommen muss (und »nur« durch eine angeblich »natürliche« Geburtenregelung eingeschränkt werden darf). Es bedeutet nicht unbedingt schrankenlosen Individualismus, in bestimmten Lebensphasen auf Kinder zu verzichten (auch wenn Individualismus, so fürchte ich, oft eine entscheidende Ursache ist). Verhütungsmittel sind – wo sie verantwortlich gebraucht werden – ethisch in Ordnung.

Die Kategorien, in denen ich als protestantischer Theologe und Christ argumentiere, sind also durchgehend völlig andere als die päpstlichen! Das als wichtige Vorbemerkung…weil es in einzelnen Sachfragen dann doch zu einer gewissen Einigkeit kommt.

Bisher war nur vom Sex innerhalb der Ehe die Rede. AIDS kann auch dort zum Problem werden, wohlgemerkt! Es gehört zur ernüchternden Erfahrung vieler Frauen und Männer z.B. in Afrika, dass sie ihrem Ehepartner/ihrer Ehepartnerin treu bleiben und sich gerade deswegen mit HIV infizieren, von den Kindern mal ganz zu schweigen. Auf der Hand liegt aber auch: Seinen Ursprung hat AIDS dort, wo wechselnde Sexualpartnerinnen und Sexualpartner üblich werden. Das gilt es nicht aus den Augen zu verlieren.

Trotzdem widerspreche ich der Sicht Roms zunächst mal vehement: Wo AIDS bereits zur Seuche geworden ist, zur übermächtigen Epidemie – da macht es Sinn, zunächst mal möglichst rasch die Ausbreitung zu bekämpfen. Da kann ich nicht dem Idealzustand hinterher trauern, in dem Kondome ausschließlich der Familienplanung dienen. Zu beachten ist ebenfalls: Die wenigsten Menschen prostituieren sich freiwillig, sondern aus Zwang – um Not und Elend oder der Einsamkeit zu entkommen.

Richtig ist aber auch: Kondome bekämpfen nicht das eigentliche Problem. Wer sie zum Allheilmittel macht und es versäumt, nach tieferen Ursachen der Epidemie zu fragen, wird die Niederlage gegen die Krankheit AIDS nur hinauszögern.

Wie es der Zufall so will – das kürzlich entdeckte Buch von Adrian und Bridget Plass macht auch zu diesem Thema eine Aussage…eine gehaltvolle, wie ich finde:

Stell dich den Tatsachen, sage ich mir. Ich finde die ganze Sache albtraumhaft und leicht ekelhaft, aber ich weiß sehr gut, dass Sambia, ebenso wie viele andere ähnlich heimgesuchte Länder, es bitter nötig hat, von Kondomen überflutet zu werden. Ich bitte Gott, dass all die Arbeit unter Schulkindern und Jugendlichen zunehmend zur Enthaltsamkeit führen wird, dem besten Mittel, um Infektionen und ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden, doch bis es so weit ist, werden Babys gezeugt und geboren. Kinder werden zu Waisen. Die Flut des Bösen muss aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden. Moralische Selbstbeweihräucherungen, zelebriert auf hohen Dünen, die das Meer sowieso nicht erreicht, nützen niemandem etwas. Wenn der Sohn Gottes tanzt, stört er sich nicht daran von Zeit zu Zeit nasse Füße zu bekommen. Das hat er zum Glück noch nie getan.

Daraus nun allerdings zu schließen, es sei auch in den »modernen Industrienationen« überall die dringlichste Aufgabe, zur Verwendung von Kondomen aufzurufen (z.B. mit Hilfe des unsäglichen Slogans »Kontakte knüpfen [sic!] [statt] Aids riskieren«), ist meiner Meinung nach Humbug. Das gilt sicherlich dort, wo ein Leben ohne wechselnde Sexualpartnerinnen und Sexualpartner mittelfristig nicht denkbar ist (Zwangsprostitution usw. gibt es auch bei uns!) Aber in Umfeldern, in denen die Zahl der Infizierten noch verhältnismäßig gering ist, da macht es Sinn, zeitgleich die ursprünglichen Ursachen der Übertragung aufzudecken und offensiv anzugehen. Könnte es nicht sein, dass nicht der ungeschützte Sex mit wechselnden Partnerinnen und Partnern das Hauptproblem ist…sondern schlicht der Sex mit wechselnden Partnerinnen und Partnern, wo er unverantwortliche Ausmaße erreicht? Schon die Tatsache, dass wir mit Menschen ins Bett gehen, die wir gerade frisch kennengelernt haben? Bereits der Irrglaube, man müsse Partnerschaft erst mal umfassend (qualitativ und quantitativ) »ausprobieren«, bevor man das Risiko einer Ehe auf sich nehmen könne? Könnte es nicht sein, dass die altmodischen Vokabel »Enthaltsamkeit« und »Treue« in Wahrheit topmoderne Schlüssel zu wirklichem Verantwortungsbewusstsein sind?

Was in jedem Fall Grundvoraussetzung ist: Die Schuldfrage nachträglich in den Mittelpunkt stellen – damit sollte man sehr, sehr vorsichtig sein. Ausgrenzung und Stigmatisierung sind auch aus dogmatischer Perspektive völlig fehl am Platz.

Dieser Beitrag wurde auch bei »PastorBuddy« veröffentlicht.

 

2 Kommentare zu “Kondome als Allheilmittel?”

  1. Alex meint:

    Meine vollste Zustimmung! Hast du im vorletzten Absatz bewusst die Trias aus der “Bibel” der HIV/AIDS Aktivisten aufgenommen?

    ABC: “Abstinence – Be faithful – Condoms”

  2. Daniel meint:

    …nö – dieses (sinnvolle!) »ABC« kannte ich noch gar nicht…

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