Klüger als erlaubt

6. September 2015

In der »ZEIT« hat Ijoma Mangold den Schriftsteller Navid Kermani – der dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält – als »Religionsflüsterer« gewürdigt. Und mit ihr springen meine Gedanken zurück ins Jahr 2009. Damals ging der Hessische Kurpreis an den Moslem Kermani. Und an den Juden Salomon Korn. Und an die Christen Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sowie Karl Kardinal Lehmann. Doch die beiden verweigerten zunächst eine Ehrung gemeinsam mit Kermani. Der ihren Glauben verletzt habe.

Vielleicht hatten sie nur den Anfang seines kurz zuvor veröffentlichten persönlichen Essays in der Neuen Zürcher Zeitung verstanden, …

Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. Sie tun es ja höflich, viel zu höflich, wie mir manchmal erscheint, wenn ich Christen die Trinität erklären höre und die Wiederauferstehung und dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Der Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.

… nicht aber das darin eingewebte, faszinierend offene (weil auf jeden religiösen Machtanspruch verzichtende!) Bekenntnis:

Und nun sass ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend [sic!], so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.

Oder Ijoma Mangold liegt richtig mit ihrer drastischen Gesamt-Einschätzung:

Für die Herren der Amtskirche und ihre Lesefähigkeit war das zu viel an geistlichem Ringen. Sie hatten sich offensichtlich wohlig eingerichtet in einem Dialog der Religionen, in dem man nur noch höflich-gleichgültige Floskeln hin- und herschiebt. Dass Glaubenswahrheiten etwas Skandalöses sind (»den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis«), das nicht so einfach zu assimilieren ist wie Werte, zu deren Wesen es gehört, dass ihnen alle zustimmen, ging über ihre Duldungsbereitschaft.

 

3 Kommentare zu “Klüger als erlaubt”

  1. Steffen meint:

    So sehe ich das auch.
    Wenn Glaube die “verwegene Zuversicht auf die Gnade Gottes” (Luther)
    ist, dann kann das nicht ohne Meinungsverschiedenheiten und entsprechende Auseinandersetzungen abgehen.
    In diesem Bereich muss man verstehen, dass der jeweils andere Gläubige immer seine Zuversicht verteidigen muss.
    Aktuell erlebe ich das sehr intensiv mit unseren neuen syrischen Mitmenschen.
    Sie wundern sich, dass ich nicht anerkenne, dass der Koran eine Schrift ist, die mir irgendetwas zu sagen hätte.
    Aber wir setzen uns sehr freundlich beim gemeinsamen Essen damit auseinander und das ist eine Bereicherung.

  2. Daniel meint:

    Das freut mich!

  3. Steffen meint:

    …und: Am erfreulichsten ist, dass wir uns inzwischen “Freunde” nennen und die Kinder Tante bzw. Onkel zu uns sagen.
    Niemand würde dabei seinen Glauben verleugnen, doch da in beiden Religionen Respekt ein hohes Gut ist, funktioniert das sehr gut .☺

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