Kindlich zugreifen

28. November 2013

Letztes Wochenende hat – in zunächst mal ganz anderem ZusammenhangWilfried Härle auf das so genannte »Kinder-Evangelium« Bezug genommen, also die neutestamentliche Passage Markus 10,13-16 par, in der Jesus gehörig mit seinen Jüngern zusammenrasselt. Die wollten ihren Herrn und Meister pflichtbewusst vor lästigen Kinderscharen schützen – und bekommen zu hören:

Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. (Markus 10,15 par)

Der Satz ist doppelt spannend, … weil er doppeldeutig ist, und zwar schon rein grammatisch. Im Deutschen wie im Griechischen ist »Kind« Nominativ und Akkusativ, Subjekt und Objekt zugleich.

Letztere Variante würde aussagen: Das Reich Gottes muss man annehmen, wie man ein Kind annimmt. Was für die Jünger wenig ermutigend wäre, weil sie ja genau das soeben nicht getan haben.

Die zweite Version würde aussagen: Kinder sind Vorbilder, wenn’s ums Annehmen geht. (Das gilt schon für unsere knapp 16-monatige Tochter, wenn sie ein Geschenk bekommt …) Sie fragen nicht skeptisch nach. Sie fragen nicht, ob’s auch »nötig gewesen wäre«. (Unvergessen die alte Dame, die meinte: »Für mich hätte der Herr Jesus nicht sterben brauchen …«) Sie schieben keinen falschen Stolz vor. Sie sind sich nicht zu schade, ihre Begeisterung zu zeigen. So kindlich soll und darf man zugreifen beim Reich Gottes.

… wer diese Parallele begreift, wird Kinder auch allgemein annehmen, nicht mehr wegschicken. Deshalb bleibt das »Kinder-Evangelium« produktiv-doppeldeutig.

Steve Volke hat vor ein paar Wochen – wieder in anderem Kontext – seine Zusammenfassung des Evangeliums genannt: »Werde Kind!« Ziemlich treffend, oder?

 

5 Kommentare zu “Kindlich zugreifen”

  1. Sibylle Luise meint:

    Und damit wären wir dann vielleicht wieder mal bei unseren “geistig Armen” – die, die nicht groß darüber nachdenken, die den Intellekt nicht haben, um es durch die Filter des Gehirns laufen zu lassen … oder? Passt das jetzt wieder nicht?

  2. Daniel meint:

    Doch, ganz genau!! Wobei ich’s gar nicht am Intellekt festmachen würde (sind Kinder unintelligent??). Sondern einfach an der Haltung. Da brauchen wir auch das richtige Maß an Einfalt und Naivität.

  3. Steffen meint:

    Und dann kommt so ein Kind wie ich und sagt: Jesus sagt das auch, weil er weiß, dass Kinder auch mal bockig, ungerecht und egoistisch etc. sind.
    Können Kinder denn nicht auch manchmal “unmöglich” und schonungslos “menschlich” sein?
    Ich verstehe diese Stelle einmal mehr auch als Ermutigung, Mensch zu bleiben, Mensch zu sein vor Gott und diesen Menschen – wie jeden anderen auch – selbstverständlich anzunehmen.
    Ist das so, dann ist Gott, mein Vater/Mutter, selbstverständlich das Tollste für mich und dann frage ich auch nicht nach, wenn Gott sagt: Komm zu mir auf`s Wasser und geh…Mit all deinen Macken, denn die braucht Gott dazu. Dazu hat er diese Macken gemacht;-)

  4. Daniel meint:

    Stimmt, das steckt auch drin!!

  5. Steffen meint:

    Da denke ich schon seit Jahren dran rum: Was bedeutet es, Kind zu werden. (nicht zu sein!!!)
    Das kann sehr viel bedeuten.
    Zum Einen nat. das “naive” Zugreifen auf das Geschenk der Gnade.
    (Ich vermute aber hier auch eine kleine “Falle” für Theologen)
    Zum Anderen aber eben genau das: Prägungen der weltlichen, der vorübergehenden Eltern wieder abzulegen und allein auf den wahren Vater zu vertrauen.
    Ich denke wirklich, dass Jesus uns auch sagt, dass es absolut nicht darum geht, in und mit der Gesellschaft gut zurecht zu kommen.
    Werde Kind heißt also fast zwangsläufig: Ecke an!
    Beobachte mal, wie eure Tochter aneckt und wie sehr ihr versuchen müsst ihr das abzuerziehen.
    Ich zum Beispiel habe mal zu einem netten (krebskranken) Nachbarn, der mir “nur” Socken schenkte, gesagt: “Mehr nicht?” (Ich 3 Jahre)
    Das hatte nat. Konsequenzen und ich musste mich dann “richtig” freuen…
    Das prägt dann dahingehend, dass sich das Kind über jeden Mist freuen muss. Ist das nicht auch Sünde?
    Ich sage inzwischen was ich gern möchte und was nicht! Da bin ich schon Kind geworden, oder.
    Eine gute Adventszeit euch;-)

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