Keine ZEit mehr

17. Dezember 2015

Irgendwann zu Schulzeiten habe ich sie kennengelernt. Wie und wo? Ich weiß es nicht mehr. Aber bald hatte ich meinen Vater von einem Abo überzeugt. Seitdem bekamen wir wöchentlich die »ZEIT«. Und ich lernte sie schätzen. Inhaltlich. Und im Blick auf die Themenvielfalt – genau das richtige für Allrounder. Nur mitgeträumt habe ich nie

Als ich auszog, durfte das Abo mit in die Zivi-WG. Wo sonst nur Umsonst-Probe-Abos eine Chance hatten. Die »ZEIT« hatte aber stets ihren Preis – was nichts kostet, hat keinen Wert …

Auch zu Studienzeiten blieb mir die treue Begleiterin erhalten. Ab und zu schrieb ich einen Leserbrief. Zu Uwe Seelers unzureichendem Versuch, das Wembley-Tor physikalisch zu widerlegen. Oder zum phänomenalen Ressort »Glauben und Zweifeln«. Nach dem Examen dann auch mal einen Beitrag für die 2010 neu eingeführte letzte Seite »ZEIT der Leser«.

Vielleicht habe ich deshalb so lange gebraucht für das Eingeständnis: Ich habe keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr für die »ZEIT«. Zumindest derzeit nicht. Monatelang hatte ich im Urlaub und auf Fortbildungen dicke Papierstapel mit dabei – die jeweils letzten Ausgaben. In der Hoffnung, sie nachträglich noch zu studieren. Der größte Schwung landete dann doch ungelesen im Papierkorb.

Als ich neulich erst mit zig Wochen Abstand von der Umgestaltung der Rubrik »ZEIT der Leser« erfuhr, folgte der lichte Moment. Und wir kündigten unser Abo. Seit Mitte November kommt keine »ZEIT« mehr ins Haus.

Und – horribile dictu – ich habe sie noch keinen Augenblick lang vermisst. Oder: Ich hatte schlicht nicht die Zeit dazu.

 

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