Jesus – Gott an unserer Seite

25. Dezember 2013

Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder. (Matthäus 1,1-17)

Sind Sie noch wach?

Das ist ja schon ein herausfordernder Bibeltext — nach 22.00 Uhr und einem Weihnachts-Essen … Und ein merkwürdiger Bibeltext ist es auch. Da beginnt der Evangelist Matthäus seine »Geschichte Jesu Christi« ausgerechnet mit einer ellenlangen Auflistung von Namen. Spontan wirkt das ja so spannend wie das Zuffenhäuser Telefonbuch … Und man reibt sich die Augen, vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes … Warum macht Matthäus das?

… er macht es aus demselben Grund, aus dem bis heute Stammbäume erstellt werden: Matthäus möchte die Familiengeschichte Jesu erzählen. Er will zeigen, in welche Familie Jesus Christus hineingeboren wurde.

Auf den ersten Blick wirkt die Familie Jesu ja ebenso alt wie ehrwürdig. Gut vierzig Generationen umfasst dieser Stammbaum. Er durchzieht die gesamte Geschichte Israels und ist proppenvoll mit prominenten Persönlichkeiten. Sogar jüdische Herrscher werden da aufgezählt — und gleich am Anfang die drei berühmten Erzväter Israels: Abraham, Isaak und Jakob.

Jakob allerdings — das war doch der, der seinen alten halbblinden Vater hinters Licht führte, um seinem Bruder den Segen abzuluchsen. Und sich dabei von seiner Mutter kräftig assistieren ließ.

Juda, der nächste in der Reihe, der machte gerade so weiter. Er verkaufte seinen Bruder nach Ägypten. Und erzählte dem Vater, sein Lieblingssohn sei umgekommen.

Mit Tamar hatte dieser Juda zwei Söhne. Tamar war aber nicht seine Frau. Sondern — Achtung — seine Schwiegertochter. Die genaue Geschichte erspare ich uns lieber …

Kurz danach ist von Rahab die Rede. Rahab war Prostituierte und Puffmutter in Jericho.

Dann ist da noch die »Frau des Uria«. Ihr Name — Batseba — wird gar nicht genannt. Entscheidend ist nämlich: Es handelt sich um die Frau des Uria. Mit der der große König David einen Sohn zeugte. Um anschließend den nichts ahnenden Gegenspieler zu beseitigen.

Salomo, der nächste König in der Reihe, — auch bei ihm gab es große Schatten. Er hatte tausend Frauen, heißt es, — und ähnlich viele Götzenbilder.

König Manasse schließlich, — von dem heißt es in den Königebüchern nur kurz und knapp: Er »tat, was dem Herrn missfiel« [2. Könige 21,2a].

… tja. Was für tolle Typen. Und das ist nur eine Auswahl. Das also ist die Familie, in die Jesus Christus hineingeboren wurde, als es zum ersten Mal Weihnachten wurde. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Der Lack ist ab.

… und das alles präsentiert Matthäus gleich zu Beginn seines Evangeliums. Offen ausgebreitet in dreimal vierzehn Generationen. Er verschweigt das alles nicht. Das ist ihm nicht unangenehm oder peinlich. Er zählt alles auf. Und damit ist er dem Geheimnis von Weihnachten auf der Spur.

Dieser Jesus, der wird nicht nämlich nur Mensch auf dem Papier. Er wird Mensch mit Haut und Haaren. Er lässt sich ganz und gar ein auf die Menschheit. Und auf alles, was dazugehört. Genau da will er hin, mitten rein. Jesus riskiert einen anrüchigen Stammbaum. Und er schreckt nicht zurück vor einer schmuddeligen Familiengeschichte.

Ich glaube: Bei diesem Jesus mit seinem anrüchigen Stammbaum, bei dem ist auch Platz für uns. Dieser Jesus mit seiner schmuddeligen Familiengeschichte ist ein Gott an unserer Seite.

Denn: In unseren Stammbäumen … gibt es sie doch auch — die zwielichtigen Vorfahren. Menschen, die wir schätzen und lieb haben, die aber auch ihre dunklen Seiten haben. Den Urgroßvater, bei dem nie so richtig klar war, was er gemacht hat im Krieg. Den Großonkel, der sich hintenrum das Erbe erschlichen hat. Die Geliebte, deren Namen man verschweigt.

In unseren Familiengeschichten kommen sie doch auch vor — die dunklen Dinge. Gewalt und Machtmissbrauch. Ehebruch und ungeklärte Schwangerschaft. Lug und Trug.

… und wenn wir ehrlich sind: Wir stecken doch mittendrin. Wir sind doch Teil dieser Stammbäume und Familiengeschichten. Mal sind wir Opfer, mal sind wir Täter — und oft beides zugleich … Und sei es, dass wir mit verheimlichen, was passiert ist. Es wegdrücken, unter den Teppich kehren.

An Weihnachten, am »Fest der Familie«, kommt vielleicht hoch, was unter dem Teppich liegt. Da wird uns vielleicht besonders schmerzlich bewusst, was kaputt gegangen ist. Und an was es fehlt.

… aber es bleibt dabei: Bei Jesus sind wir in guter Gesellschaft damit. Gerade mit unseren Stammbäumen und Familiengeschichten. Auch mit dem, was uns bitter schmerzt und furchtbar peinlich ist. Vor diesem Jesus brauchen wir uns nicht dafür zu schämen. Er steht ja selber nicht besser da. Und er weiß, wie sich das anfühlt.

Jesus ist der Gott an unserer Seite. Dazu ist er gekommen. Und er ist gekommen, um uns heil zu machen. Mit allem, was wir mitbringen. Also auch mit unseren Stammbäumen. Mit unseren Familiengeschichten.

Sagen wir doch diesem Jesus, was uns wehtut. Wer uns verletzt hat. Wo wir andere verletzt haben. Bitten wir ihn, dass er es hell macht. Heil und weit. Er hört es. Dafür ist er Mensch geworden. Ganz und gar. Mit Haut und Haaren. Er ist der Gott an unserer Seite.

Amen.

Predigt, gehalten am 24. Dezember 2013 (Heiligabend) in der Christmette in der Johanneskirche Stuttgart-Zuffenhausen.

 

6 Kommentare zu “Jesus – Gott an unserer Seite”

  1. Sibylle Luise meint:

    Danke.

  2. Der Gott an unserer Seite | theolobias.de meint:

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  3. Steffen meint:

    Danke dafür.
    Es ist wichtig, dass wir den Menschen sagen, dass Gott einer von uns ist und wir so wirklich die Seinen.
    Ich glaube inzwischen, wir haben das Judentum nie verstanden und auch nicht was das heißt: “König der Juden”.
    Vielleicht sollten wir da im neuen Jahr mal genauer draufschauen.
    Christen sind nicht Angehörige einer neuen Religion, sondern werden durch den Juden Jesus zu Familienmitgliedern, die bis zum verlogenen Jakob etc. und letztlich bis zum leicht verführbaren Adam letztlich das sind: Menschen wie alle anderen. Kann es sein, dass erst in der Überwindung aller Religion das Heil liegt?

  4. Steffen meint:

    Zu: ” Kann es sein, dass erst in der Überwindung aller Religion das Heil liegt? ”

    Im Sinne von Römer 2, 29:

    Ein Jude ist der, der es im Verborgenen ist…einer, der grundsätzlich auf eigene Gerechtigkeit verzichtet und allein Gott alles anvertraut. (auch nach K. Barth)
    Einer wie Jesus ist ein wahrer Jude und dem folgen wir.
    Ich finde das spannend im Blick auf uns “Christen” und unsere (s.o.) Verwandtschaft.
    Spannend im kritischen Blick auf die gegenwärtige religiöse Entwicklung in den amerikanisierten Superkirchen etc.

  5. Thomas meint:

    Ist wirklich eine “schmuddelige” Familiengeschichte. Allerdings passt dann die “saubere” Jungfrauengeburt nicht so ganz ins Bild. Da wäre eine uneheliche Schwangerschaft schon die konsequentere Fortsetzung der Familienchronik von Jesus.

  6. Daniel meint:

    Lohnender Impuls zum Weiterdenken! Aber darum ging’s ja nicht in der Predigt …

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