Jesus – Opfer für uns?!

9. April 2007

Lange war es still um unser Projekt »3D Bloggen«… Doch jetzt, pünktlich zur Osterpause, liefern die aktuellen »standpunkte« – die eine Art badische Beilage zum Magazin »chrismon« darstellen –
Dave, Simon (de Vries) und mir (Daniel) einen guten Grund, weiterzumachen…

Selbige veröffentlichen in ihrer April-Ausgabe ein »plädoyer« des emeritierten Theologieprofessors Klaus-Peter Jörns: »Jesus hat für uns gelebt. Er ist nicht für uns gestorben. Wir brauchen eine neue Abendmahlsliturgie«. Den Inhalt hat Dave in seinem Startbeitrag bereits grob skizziert. Wer den ganzen Text lesen möchte, findet ihn hier.

Zunächst: Das Thema ist beileibe nichts Neues für Klaus-Peter Jörns: Seit Jahren kämpft der Praktische Theologe für eine kritische Erneuerung des christlichen Glaubens, ist u.a. mit großem Tataa aus dem Ökumenischen Verein zur Förderung der Predigt e.V. ausgetreten, nachdem dessen Sprachrohr »Predigt im Gespräch« Ende 2005 eine (überaus) kritische Auseinandersetzung mit Jörns’ Klassiker »Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum« (Gütersloh 2004) abgedruckt hatte.

Im genannten Werk wird Jörns übrigens noch ausführlicher, was Vorschläge zu einer positiven Neugestaltung der Abendmahlsliturgie angeht. U.a. verweist er darauf, dass »das Brot als “Brot des Lebens” und der Wein als “Wein der Liebe” bereicht werden« könne. »Es ist aber auch denkbar, diese “Elemente” zu erweitern um “Steine (der Erde)” und “Blumen (der Zärtlichkeit)”«.

Solche Zeilen sind repräsentativ für eine theologische Strömung, die Jesus sehr wohl noch als Opfer sieht – dies aber rein subjektiv. Jesus war das politisch-religiöse Opfer der Römer bzw. feindlichen Juden, keineswegs aber ein Opfer für andere, respektive auch uns.

Was tun?! Zunächst mein Gefühl: Ich werde zutiefst wütend, wenn ich so was lese. Über leere Kirchenbänke jammern und gleichzeitig die zentralen Inhalte des Evangeliums ausverkaufen – das passt einfach nicht zusammen.

…aber dann meldet sich auch die Vernunft. Und die will auch verstehen, wie es zu solch kritischen Anfragen kommt. Klaus-Peter Jörns ist ja nicht der einzige. Viele Zeitgenossen (nicht zuletzt Pfarrer) haben enorme innere (!) Schwierigkeiten mit dem Opfertod Jesu. Warum?! Diese Frage finde ich gar nicht so leicht. (Genauso geht es mir übrigens mit den Wundern Jesu – ich kapiere partout nicht, wie man die – wohlgemerkt: als Christ! – nicht wortwörtlich glauben kann…)

Dave nennt die historisch-kritische Methode als einen Auslöser. Treffend finde ich dabei die Bemerkung, dass »die historisch-kritische Methode an ihrer eigenen Zielmaßgabe gescheitert ist: Den eigentlichen Kern der biblischen Botschaft freizulegen«. (O-Ton Ernst Troeltsch, Ende 19. Jahrhundert: »… das Entscheidende ist die Bewährung und Fruchtbarkeit einer Methode, die Durchbildung im Verkehr mit den Objekten und die Leistung zur Herstellung von Verständnis und Zusammenhang. Niemand kann leugnen, daß sie überall, wo sie angewendet wurde, überraschend erleuchtende Ergebnisse hervorgebracht hat, und daß über all das Vertrauen sich bewährt hat, noch nicht erleuchtete Partien würden durch sie sich aufklären lassen. Das ist ihr einziger, aber auch ihr völlig ausreichender Beweis.« Ob man das heute noch so sagen würde…?! ;) )

Bezogen auf das aktuelle Thema, würde ich zwei Probleme der historisch-kritischen Methode betonen:

  • Zum einen sind die gelieferten »Fakten« einfach nicht so klar und eindeutig, wie sie meist dargestellt werden. Es stimmt einfach nicht, dass Jesu »Zeugnis von der Liebe Gottes« mit allen bisherigen (alttestamentlichen!) Vorstellungen aufgeräumt hat. Das ist das alte marcionitische Missverständnis. Genauso haltlos ist es, Paulus und Konsorten vorzuwerfen, sie hätten die Botschaft Jesu völlig verkannt – und stattdessen versucht, seinem »Tod mit dem damals geläufigen jüdisch-hellenistischen Gedanken vom blutigen Opfer einen positiven Sinn zu geben«.
  • Zum anderen (und hier liegt der eigentliche Knackpunkt, finde ich) stellt die historisch-kritische Methode ein Gesamtkonzept dar, das die völlige menschliche Autonomie behauptet. Die Vernunft ist es, die den Sinn der biblischen (und aller anderen) Texte erfassen kann, nichts anderes.
  • …und völlig logisch: Dass Jesus für die Menschen gestorben sein soll, für uns – das widerspricht diesem Autonomiegedanken massiv. Dass ich es nötig haben soll, diesen Kreuzestod, und im Abendmahl dann auch Brot und Wein – das erniedrigt mich zunächst mal. Liegt das eigentliche Problem vielleicht in einer verkürzten Anthropologie, die unsere (!) menschliche Sünde nicht mehr ernst nimmt?!

    Dabei stimmt mich nachdenklich: Dass mit unserem persönlichen Leben etwas nicht stimmt, das merken zahlreiche christliche wie nichtchristliche Zeitgenossen Tag für Tag. Diese Gefühle sind definitiv da. Man sollte sie nicht vorschnell bestreiten. Schade, wenn gerade Theologen das tun – und auf diese Weise bestreiten, dass die biblischen Inhalte unser Leben eben direkt betreffen.

    Ja, auch mir fallen manche Paul-Gerhardt-Lieder schwer. Wenn der Vater seinem Sohn (dem »Lämmlein«) befiehlt, die Menschen »durch Sterben und durch Bluten« freizumachen, dann geht mir das schwer über die Lippen (so jetzt wieder im Karfreitagsgottesdienst). Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir eben genau das aushalten müssen…und mit Gottes Hilfe auch können.

    Übrigens: Auch die »Tübinger Theologie« beurteilt das Konzept von Klaus-Peter Jörns äußerst kritisch. Soweit ich das richtig sehe, lehnt sie dabei aber die klassische jüdisch-hellenistische Opfervorstellung ebenso ab – was ich wiederum kritisch sehe… Davon vielleicht demnächst mehr – im Zusammenhang mit dem Sommersemester-Seminar »Rache, Zorn und Eifersucht – die dunklen Seiten Gottes?«.

    Das war jetzt viel… Was meint ihr?!

     

    2 Kommentare zu “Jesus – Opfer für uns?!”

    1. Dr. med. Conrad Feder meint:

      jo. das war viel.und ich seh das anders, aber ich bin kein theologe. die kirchenbänke werden aber nicht leerer mit einem so genannaten “ausverkauf”, wahrscheinlich aber auch nicht voller. und ich muß keine paul-gerhardt-lieder aushalten, aber sehr viel kummer und leid, von mir und von anderen, von sehr nahe stehenden und von weniger nahe stehenden. ein wenig weiter östliche einsicht würde zur besänftigung nicht schaden, aber auch ich bin ein kind der europäischen welt. ich halte das leben für andere auch deutlich wichtiger als für andere zu sterben, aber bin ich mit ihnen- blog-autor- auch bei aller kritischen historischen sicht nicht einig. schuld : das sind worte aus der banker-sprache und der herrscher-untertanen-sprache, vorsicht. sünde: ein schwieriges konzept, wenn man es aus der bibel belegen muss. sagen wir, wo kein dunkel ist, wäre kein licht. wo kein licht ist, wäre kein dunkel: so weit wir wissen, gibt es so etwas nicht…??? schwarze löcher, wie ist es darin?..sag niemals nie…gewöhnen wir uns an einen urgrund, aus dem wir ALLE kommen und gehen? das würde uns zur verständigung helfen im miteinander…
      bitte nicht babylon vergessen, meine heissgelieteste bibel-geschichte!
      worte sind worte sind worte…..ein buch ist ein buch ist ein buch ist ein buch…ein apfel ist ein apfel ist ein apfel.schon als kind habe ich mit pfarrern gestritten. ich habe noch niemals die betonung protestantischen glaubens auf schwarz und rot, auf blut und tod verstanden. bei mir führte letztlich dieser punkt zum kirchenaustritt, nicht jedoch zum austritt des geistes. ist das konzept der gnade rein katholisch? ich darf hoffen, etwas genervt zu haben. viel glück!

    2. Daniel meint:

      …gute Gedanken – danke! :)

      Hmm. Ich bin mir halt nicht sicher, ob das, was sich hinter den Begriffen “Schuld” und “Sünde” versteckt, wirklich so abartig unbekannt ist. Man muss m.E. nicht katholisch sein, um davon auszugehen, dass uns Menschen die Trennung von Gott sozusagen in den Knochen steckt – ob wir das so formulieren würden oder nicht…

    Deine Meinung?!