Jenseits von …

15. September 2014

Der »Himmel« beginnt schon jetzt – und auch die Hölle kann bereits hier und heute Realität sein.

Christlicher Glaube ist weit mehr als eine »Eintrittskarte« für später.

Und auch was für Menschen, die in ihrem Leben keine Defizite wahrnehmen.

… alles Gedanken, die mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden sind. Und diese persönlich-theologische Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, glaube ich. Der nächste Schritt, vielleicht: Eine Predigt zum Thema »Das Leben genießen« in knapp zwei Wochen

Mein Stachel im Fleisch heißt Gabriele Wohmann. Die in ihrer umwerfend guten Kurzgeschichte »Erzählen Sie mir was vom Jenseits« einen unsäglich ärmlichen Kollegen karikiert, der – inspiriert von einer Art Light-Buddhismus – nur noch vom Glück »im Hier und Jetzt und Heute« schwadronieren kann – und damit seiner Gesprächspartnerin eben gerade nicht gerecht wird …

Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, aber ich feiere schon längst meine Geburtstage nicht mehr.
Ausgesprochen schade, sagte der Pfarrer.
Er fühlt sich verdammt unbehaglich, dachte Marie Rosa […].
Der Pfarrer nahm gern einen Schluck. Er sagte: Und wenn es nur deshalb ist, und hob sein Glas: Auf Ihr Wohl! Gesundheit und Lebenskraft und Freude weiterhin.
Es fehlt an allen drei genannten Werten, sagte Marie Rosa.
Eine Gnade, dieses Alter, sagte der Pfarrer.
[…]
Wieso ist das Alter eine Gnade? Ich sehe das ganz anders.
Für Menschen wie Sie ist es eine Gnade, beharrte der Pfarrer, aber er wirkte beeinträchtigt, war seiner Sache nicht sicher. Sie können noch für sich allein sorgen, wie man hört, spielen Sie sogar noch auf Ihrer Geige, Sie genießen noch Ihren Garten … Er sah sich um, es fiel ihm nichts mehr ein. Zum Glück für ihn blendete ihn ein Sonnenstrahl: Sie können sich noch an der Sonne erfreuen.
Das nun gerade nicht, widersprach Marie Rosa. Der Sommer ist nicht gut für mich. Letztes Jahr war ich ziemlich krank. Und überhaupt: Ich höre immer dieses »noch«. Noch noch noch.
[…]
Ich möchte Ihnen Lebensmut machen, sagte der Pfarrer. Er spielte verstärkt mit den Haaren, die ihm verblieben waren, er wechselte nun auch zu den Bartkräuseln über und drehte an ihnen herum.
Es wäre wirklich als einziges sinnvoll, wenn Sie mir irgendwas Schönes vom Jenseits erzählten, sagte Marie Rosa.
Hier und heute, liebe Frau Lietzmann, hier auf Erden sollten wir, jeder in sich selber und um sich herum, das Paradies suchen.
Ich halte das für vergeblich. Es wäre Zeitverschwendung. Ich habe gestern einen Film über Ruanda gesehen, vielleicht wars auch Somalia oder der Sudan.
[…]
Man kann sich ganz wundervoll mit Ihrer Frau Schwester unterhalten, lobte der Pfarrer, der erlöst aussah, weil er Bertines Hinzukommen als Signal für seinen Aufbruch wertete. Er stand auf. Es ist anregend, mit ihr zu diskutieren. Sie ist geistig sehr rege.
Diesmal haben Sie das »noch« vergessen, sagte Marie Rosa, auch sie stand auf. […] Aber denken Sie nicht, mein Alter würde mir irgendwelchen Spaß machen.
Wir müßten uns eingehender darüber unterhalten, sagte der Pfarrer, dem anzumerken war, welchen Horror er vor weiteren Diskussionen mit dieser widerspenstigen, die angenehmen Klischees zertrümmernden Alten empfände, nähme er sie sich tatsächlich ernsthaft vor. […]
Er taugt wirklich nichts, sagte Marie Rosa zu Bertine.

Hoffentlich ist jemand ähnlich direkt zu mir, sollte auch ich dereinst …

 

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