Irre Trennung

21. April 2011

Das Buch (Gütersloher Verlagshaus, ISBN: 978-3-579-06879-4) ist irre. Und: Irre schwer, meine Leseeindrücke irgendwie in Worte zu gießen. Sicher ist es vorrangig die Sprache, die mir an Manfred Lütz gefällt. Der tiefgründige Humor von Adrian Plass, kombiniert mit der Klarheit etwa eines Wilfried Härle

Aus inhaltlicher Sicht bleibt mir zum Beispiel der folgende banale Zusammenhang im Kopf: Die katastrophale Tabuisierung psychologischer Krankheiten (zum Beispiel Depression) – könnte sie damit zusammenhängen, dass man (so Lütz in seinem Kapitel zur Psychochemie, »Körperlich behandeln, um die Seele zu heilen?«, Seiten 73 bis 82) gemeinhin immer noch strikt zwischen »geistigen« und »körperlichen« Leiden trennt (letztere lassen sich medikamentös behandeln, bei ersteren muss man sich »halt zusammenreißen«…) – und damit in die alte platonische Falle tappt?

 

4 Kommentare zu “Irre Trennung”

  1. Johannes meint:

    Äh, hm, ja. ;-)
    Das Buch klingt sehr spannend, leider bin ich noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber im Bereich dieser Fragestellung eröffnen sich mir fortlaufend weitere Fragen. z.B. ist die umgekehrte Einsicht, dass (bei der Ablehnung der platonischen Anthropologie) zur Behandlung körperlicher Leiden nicht unbedingt Medikamente helfen, idR ja auch nicht wirklich weit verbreitet.

    Sehr problematisch scheint mir gerade in Bezug auf psychische Leiden der “Krankheitsbegriff”, der irgendwie voraussetzt, die Krankheit sei etwas dem Menschen Fremdes, das von außen hinzu käme und entsprechend wieder von ihm entfernt werden könne. Dabei wird doch schnell übersehen, dass gerade Depressivität auch eine Charaktereigenschaft darstellt, die dann in der extremen Form als “Krankheit Depression” von einer Person eben nicht einfach zu abstrahieren ist. Und viele “erkrankte” Menschen (oder deren Bekannte) sind im Zuge der Behandlung umso enttäuschter, wenn die Entfernung dieser Krankheit eben nicht gelingt, sondern sie durch Medikamente sich in einem fortwährenden Dämmerzustand befindend nur permanent daran gehindert werden sie selbst zu sein.

  2. Daniel meint:

    Richtig! Und, weiterführend: Es gibt gar keine klaren Abstufungen zwischen “krank” und “gesund”! Als depressiv gilt man zum Beispiel dann, wenn der Zustand “schlecht drauf”, den vermutlich jede(r) regelmäßig erlebt, mehrere Tage am Stück anhält… Das hat was Erschreckendes, aber vor allem was Heilsames, finde ich.

    Die abstruse alte Gesundheits-Definition der WHO (“… Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens”) hat auch ihren Teil beigetragen, denke ich.

  3. Daniel meint:

    Christoph Schlingensief schreibt in seinem »Tagebuch einer Krebserkrankung«: »Eins ist mir klar geworden: Hier die Seele, da der Körper – das ist ein falsches Denken. Der Körper ist Seele, und die Seele ist Körper. Sie ist das Zentrum des Verbundsystems, das einen von der Geburt bis zum Tod begleitet. Sie ist die Tatsache, dass alles zusammengehört und miteinander verbunden ist.«

  4. Sibylle Luise meint:

    Uraltes Thema, aber ich will dennoch meinen Senf dazu geben. Das Buch habe ich gelesen und es hat mich sehr beeindruckt. Aber was die Depression angeht – da kann ich mitreden. Und nach meiner Erfahrung ist es nicht so, dass schon jedes “Ich bin mal nicht so gut drauf” – auch wenn es über Tage und sogar Wochen anhält – als “Depression” eingestuft wird.
    Mehr noch: Mein Hausarzt zum Beispiel unterscheidet durchaus zwischen einer endogenen und einer exogenen Depression und behandelt entsprechend. Als er zum Beispiel bei mir dereinst eine Depression diagnostiziert hat, hat er ein langes Gespräch mit mir geführt, in dem er meine Lebensumstände (die ihm dadurch, dass er auch der Hausarzt meiner Eltern und meiner besten Freundin war, mein Umfeld also ganz gut einschätzen konnte) noch einmal hinterfragte. Die waren damals nicht so, dass sie Gründe für meine manchmal sehr schlimmen Existenzängste und das dauernde Gefühl, es nicht auf die Reihe zu kriegen, hätten sein können. Es war (und ist) ganz eindeutig so, dass etwas in mir immer Wasser in den Wein des Lebens gießt. Und ich konnte es damals sogar bis zu einem gewissen Grad hormonell festmachen. Mehr noch: Wenn ich wieder mal heulend auf Mutters Küchenbank saß und der erzählte, dass ich nichts auf die Reihe kriege und alle meine bisherigen “Erfolge” doch nur darauf beruhen, dass ich ein recht begabter Blender bin und daher von vielen Leuten überschätzt werde, guckte die mich an und sagte: “Kriegst du deine Tage?” Sie hatte meist recht – ich hatte regelmäßig zwei Tage vor den Tagen eine ganz schwarze Phase.

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