In der Klemme

25. September 2008

»Sind Sie gegen Tierquälerei?« Fragte mich vorhin ein junger, anpackender Typ in der Bad Cannstatter Fußgängerzone. Der Schriftzug auf seiner Schirmkappe präsentiert das verräterische Stichwort »Tierschutz«.

Was tun?! Kann ja schlecht sagen: »Nee, wieso?«. Also: »Ja, bin ich.« Jetzt ist er wieder am Drücker: »Dann sollten Sie eine Minute lang an diesem Stand dort verbringen« (zeigt hinter mich, wo ich Leute ähnlicher Coleur vermute).

»Dumm gelaufen«, schießt es mir durch den Kopf. Klar, dass es nicht bei einer Minute bleibt – aber das kann ich ihm ja kaum im Vornherein vorwerfen. Meinen nächsten, blödsinnigen Satz bereue ich erst, als er schon ausgesprochen ist: »Sorry – ich muss nach Hause.« Schon wieder verloren: »Ihre Wohnung wird kaum abbrennen, weil Sie eine Minute später kommen.« »Stimmt genau, du mieser kleiner Besserwisser«, denke ich – und bin nicht nur ob dieser fiesen Charakterisierung unzufrieden mit mir. Wie oft habe ich mich schon über solche Kommentare geärgert? Fühle mich ertappt. Ich stammle noch etwas in der Art: »Ich setze mich für viele Projekte ein – aber meine Kapazitäten sind beschränkt. Ich freue mich, dass Sie sich für diese Sache einsetzen. Tschüß!« Auf dem Papier ist das eine richtige Aussage. Ich kann mich schlicht nicht für alles engagieren, was ich gut finde. Und trotzdem war das irgendwie daneben, sagt mir mein Gefühl. Nicht zuletzt: In der abendlichen Teambesprechung der Tierschutz-Gruppe werde ich ein unbedeutender Teil der »großen, völlig gleichgültigen Masse« sein. Vielleicht ist es ja vor allem das, was mich stört…?!

Was hättet ihr gemacht?!

 

5 Kommentare zu “In der Klemme”

  1. Tobias Lampert meint:

    Kann gut nachvollziehen, wie es Dir ergangen ist – ich habe exakt so eine Situation (mit dem Unterschied, daß sich das ganze in Tübingen abspielte) auch schon zwei, drei Mal gehabt, dabei die gleichen Gedankengänge vollzogen, genauso reagiert wie Du und ähnliche Gewissensbisse verspürt …

    Und trotzdem denke ich im Nachhinein, daß das ein legitimes Verhalten ist – ganz einfach, weil derartige Anwerbeaktionen ja genau damit rechnen und darauf aus sind: daß die angesprochenen Menschen von der Frontalansprache so überrumpelt werden, daß ihr schlechtes Gewissen sie zu einer schnellen Entscheidung drängt, und sei es nur, um möglichst schnell die Flucht ergreifen zu können. Es mögen 99 Leute darunter sein, die die schnelle Entscheidung “Ich muß nach Hause” treffen, aber auch eine Person, die irgendwo unterschreibt. Und schon hat sich der Aufwand gelohnt.

    Angesichts des verfolgten Anliegens mag so ein Vorgehen auf den ersten Blick gerechtfertigt erscheinen – ich finde es trotzdem nicht in Ordnung. Auf unsere berufliche Perspektive übertragen: als Pfarrer würde ich auch nicht so missionieren wollen ;-) – was sind Entscheidungen wert, die in Drucksituationen und aufgrund eines schlechten Gewissens entstehen? Der Vergleich mag etwas hinken, trotzdem denke ich, daß Gott auch in Sachen Tierschutz einen *fröhlichen* Geber lieb hat.

  2. Karsten meint:

    Mir ist es auch schon x-mal so gegangen, und es ist mir bis heute nicht ganz gelungen, die besagten Gefuehle so zu sortieren, dass ich damit besser zurecht komme.

    Danke, Tobias, fuer Deine sehr brauchbare Kurzanalyse!

    Bisher weiche ich den Personen und dem schlechten Gewissen aus, was meistens klappt. Wenn es nicht geklappt hat, versuche ich freundlich aber bestimmt rueberzubringen, dass mein Gegenueber sich mit mir keine Muehe zu geben braucht.

    Ich freue mich auf den Tag, an dem mein Glaube so weit gewachsen ist, dass mir eine Antwort einfaellt, die fuer das Gegenueber und fuer mich das Leben reicher/schoener/besser macht!

  3. Daniel meint:

    @ Tobias: Auch ich habe diverse Bezüge zur eigenen Missionspraxis hergestellt…stimmt, so will ich definitiv nicht zum Glauben einladen!

    Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal noch ausdrücklicher viel Freude und Erfolg bei diesem oder jenem Projekt zu wünschen – in der Hoffnung, dass das dann nicht zynisch rüberkommt…

    Und dann wäre da natürlich noch die Idee, immer einen eigenen Flyer mit dabei zu haben… ;-)

  4. martin meint:

    das erinnert mich daran, als wir beide in potsdam auf die investition in einen brutkasten für einen hubschrauber oder sowas eingeladen wurden, wo es ja dann hieß, dass man mit dem zusätzlichen sonderkürzel im ausweis im krankenhaus besser behandelt wird…klassischerweise gehe ich durch die leute hindurch. bei der frage, ob ich gerne videos schaue, enttäusche ich die freunde des videorings gleich wieder, indem ich mich nach der entlarvung als nicht-mitglied oute. “und wenn die freundin mal nicht da ist, kann man den reisegutschein einlösen oder supergünstige pornos kriegen.” toll. aber einen katalog wollte mir bisher niemand zeigen…

  5. Daniel meint:

    @ Martin: Stimmt – kamen die Typen nicht von der “UFA” (was aber nix mit Filmen zu tun hatte)?! Wobei es mir in solchen Fällen leicht(er) fällt, einfach wegzurennen – denn die behaupten ja, man würde sich selbst was Gutes tun…

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