Höfische Gesellschaft 2.0

27. Oktober 2009

Adam Soboczynski hält Typen wie mir den Spiegel vor: Im »Feuilleton« der »ZEIT« stellt er schonungslos fest:

Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. Ausgerechnet die vom Bürgertum seit je misstrauisch beäugte Macht der Rhetorik, das Auseinanderklafffen von verführlischer Form und Inhalt, von Schmuck und Argument, ist der ausgesprochen unterhaltsame Wesenskern Sozialer Netzwerke. Ihnen ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich oft zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet. Man bewertet Redebeiträge umgehend [...] Soziale Netzwerke bilden ein Reich von Höflingen, die galant auf sich aufmerksam machen. Sie sondern den Zögerlichen, den Nachdenklichen, den Schüchternen aus.

Judiths spontane Erklärung für das genannte Phänomen – nämlich eine postmoderne Renaissance der höfischen Gesellschaft und ihrer rigiden Umgangsformen in ungewohnt-attraktivem Gewand (ist es Zufall, dass dieselbe »ZEIT«-Ausgabe der Frage nachgeht, woher das Böse kommt?!) – leuchtet mir mittlerweile ein: Ein Netzwerk einzelner Menschen vor ihren Rechnern kann gar nicht durchweg sozial sein…

Anders fokussiert: Hat auch die Facebook-Gemeinde das Problem, dass sie nicht über den eigenen Tellerrand hinauskommt, stets dieselben Milieus erreicht und reproduziert?

Oder vereinfacht Soboczynski schlicht den Sachverhalt (wie hier u.a. dargelegt wird)?

Wie dem auch sei: Jetzt, genau in diesem Augenblick, bin ich richtig froh, dass mein Schwerpunkt vorerst das altmodisch-statische Bloggen bleibt…an dem auch »Zögerliche«, »Nachdenkliche« und »Schüchterne« teilhaben dürfen. ;-) Nicht nur die dürfen sich übrigens bereits auf eine (winzige) Neuerung freuen…demnächst mehr!

 

Ein Kommentar zu “Höfische Gesellschaft 2.0”

  1. martin meint:

    “[...] Nicht nur die dürfen sich übrigens bereits auf eine (winzige) Neuerung freuen…demnächst mehr!”

    gibts dann ein feature mit dem man beiträge bewerten, löschen oder gar “kalt wegklicken” können sollte?!! – eine weitere facette tritt ins licht, wenn man von personalentscheidern liest, die sich gerade in sozialen netzwerken einklinken oder potentielle kandidaten, die sich online beworben haben – auch kalt wegklicken. nicht mal mehr die rundablage nutzen müssen. aus welchen gründen? – man ist in der falschen gruppe, mag die falsche musik, hat falsche ansichten. oder im groben persönliche eigenarten, die dem personalentscheider einfach nicht gefallen. mmh…

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