Hilfreiche Anfrage

9. Mai 2015

Theologie-Examen. Ein Freund steckt gerade mittendrin – und nach einem längeren Spaziergang mit ihm die Tage fühlte ich mich prompt sieben Jahre jünger. Viel von damals ist mir noch präsent. Zumal eins meiner Spezialgebiete für die mündliche Prüfung in Kirchengeschichte aktueller ist denn je in diesen Tagen …

Der Berliner Professor für Systematische Theologie Notger Slenczka hat jüngst die Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Kirche in Frage gestellt. Damit folgt er im Großen und Ganzen zwei ebenso großen wie berüchtigten Denkern der Theologiegeschichte – Kulturprotestant Adolf von Harnack und »Erzketzer« Marcion. Letzterer agitierte im zweiten Jahrhundert – und sah im Schöpfergott des Alten Testaments nicht mehr als einen primitiven Gegenspieler des neutestamentlichen Gottes, den Jesus Christus letztlich überwunden habe …

Dass Slenczka an seiner Fakultät deutlich kritisiert wurde, halte ich für sachlich richtig. Und doch: So manche Gegenrede erscheint mir eine Spur zu flüchtig-pauschal. Und ich blättere in meinem »ichthys«-Artikel »Und Marcion hat doch Recht?«, veröffentlicht 2009, bald nach dem Examen …

Der Fall Marcion demonstriert hervorragend, warum man Fundamentalkritik an Kirche und Theologie nicht flüchtig übergehen, sondern in ihrer ganzen Tiefe ernst nehmen sollte: Wo Anfragen nämlich ihrerseits nicht einer flüchtigen Laune entspringen, sondern tatsächlich ernsthafte denkerische Zweifel in Worte fassen […], können sie gerade in ihrer Negation auf entscheidende Besonderheiten des christlichen Glaubens hinweisen. Sie eröffnen damit erst die Möglichkeit, gerade die paradoxen (!) Momente christlicher Theologie zu durchdenken.

Konkret bezogen auf die oben angerissene Debatte: Es gibt fundamentale Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament. Das ist erst mal festzuhalten. Um dann um so entschiedener darauf hinzuweisen: Eben genau in diesem Wissen haben die neutestamentlichen Autoren das Alte Testament weder entsorgt noch abgewertet, … sondern beibehalten. Und zur unersetzlichen Grundlage ihrer Texte gemacht. Ohne die auch ich als Christ meinem Glauben nicht auf die Spur kommen kann. Weil auch hier von dem einen Gott erzählt wird.

 

6 Kommentare zu “Hilfreiche Anfrage”

  1. Skeptiker meint:

    Ohne wirklich intensiv mit der Materie vertraut zu sein, wage ich doch zwei Dinge anzumerken:
    Slenczka geht es meinem Verständnis nach nicht um eine Abwertung des Alten Testamentes und schon gar nicht um seine Entsorgung, sondern um die Frage der Kanonizität. DAS ist eine spannende Frage, gerade für Protestanten, wenn man sieht, wie Martin Luther nach 1500 Jahren Kirchengeschichte mit dem Kanon umgegangen ist…
    Was sind die Kriterien? Was macht ein Buch kanonisch und was nicht?
    Als zweites stellt sich mir die Frage, warum es nicht möglich ist, solche Thesen wie die von Slenczka zur Debatte zu stellen und sachlich zu diskutieren, statt ihn sofort in eine Ecke zu drängen, in die er womöglich gar nicht gehört.

  2. Steffen meint:

    Man kann und sollte vielleicht alles diskutieren.
    Aber: Wie könnte man auch nur ein Wort Jesu verstehen, hätte man nicht auch das zu Händen worüber er spricht?
    Ohne unsere jüdischen Wurzeln zu kennen, wüssten wir nicht, warum Jesus der Christus ist.
    Die Anfragen sind also tatsächlich hilfreich, doch eben nur dahingehend, dass sie zum Nachdenken anregen.
    Niemand weiß woher er kommt, kennt er seine Geschichte nicht.
    Darum wiederholt beispielsweise der Hebräerbrief diese Geschichte, damit wir verstehen woher wir kommen.

  3. Daniel meint:

    Exakt – genannte Anfrage halte ich für hilfreich, weil ich sie letztlich entschieden ablehne. Aber der Weg dahin ist entscheidend. Und führt nur über die Anfrage …

  4. Skeptiker meint:

    Sorry, aber die Begründungen finde ich sehr schwach.
    Wenn alles, was uns hilft, die Reden Jesu besser zu verstehen, in die Bibel aufgenommen werden sollte, müssten noch zahlreiche andere Schriften hinzukommen. Und die Texte des AT, auf die Jesus sich nicht bezieht, müsste man herausnehmen.
    Natürlich muss man die jüdischen Wurzeln Jesu kennen, und dazu brauchen wir das AT, aber ist das hinreichend, um es als Heilige Schrift des christlichen Glaubens zu bezeichnen?
    Sollte man jede Schrift, die “von dem einen Gott erzählt” als kanonisch betrachten?

  5. Steffen meint:

    Natürlich sind nicht alle Schriften die von dem einen Gott “erzählen” kanonisch.
    Die aber von Gott, der nun mal der Eine ist, welcher sich von Mose bis zu den wahren Propheten offenbart, künden, die schon.
    Alle anderen Schriften sind sicher auch interessant, doch darin wird eben tatsächlich erzählt. Die Heilige Schritt ist daher heilig, weil nicht von Gott erzählt wird, sondern Gottes Weg mit seinem Volk darin sichtbar wird.
    Deshalb gibt es auch keine Heiligen Schriften vor der Thora oder nach dem NT.
    Diese aber sind eine Einheit, die Gottes Weg mit seinem Volk darstellen.
    Ein anderer Glaube ist sicher möglich, doch eben nicht Gottes Wort und Wille, weil nicht heilsam. Darin liegt die enorme göttliche Kraft der Bibel.

  6. Steffen meint:

    Zitat dazu : “Es versteht sich weiter nicht von selbst, dass die Bindung der kirchlichen Verkündigung an das Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes nicht nur grundsätzlich anerkannt, sondern praktisch wirksam ist und bleibt.
    Die Theologie hat die Gemeinde beständig daran zu erinnern und sie zur Befreiung von allen anderen Bindungen zu ermuntern.”
    (K. Barth)
    Darum (um Gottes Willen) klingt alles was die Kirche Jesu sagt, in skeptischen Ohren oft dogmatisch und vielleicht sogar fundamentalistisch.
    Aber : Es geht ja auch ums Fundament.

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