Heikles Aufgebot

13. Juni 2010

Ist schon gut, dass heutigen Pfarrer(inne)n diverse Schwierigkeiten früherer Zeiten erspart bleiben – »Ehrentitel« hin oder her…

Nach der Predigt geschieht das Aufgeboth der Personen, die sich verehlichen wollen. [...]
Sowohl in bürgerlicher als auch in kirchlicher Hinsicht ist es nothwendig, daß der Nahme des Brautpaars nebst dem Nahmen der Väter genau genannt und zugleich der Wohnort und Stand und Gewerbe angegeben werden. Durch die Rang -[sic!] und Titelsucht des Brautpaars oder der Anverwandten wird der Prediger oft in große Verlegenheit gesetzt. Ist es an gewissen Orten hergebracht, daß die Prädikate, tapfer, ehr- und tugendsam u. s. f. gebraucht werden, so befiehlt die allgemeine Sitte des Orts dem Prediger hier in keine Änderung zu machen. Oft verlangen die Brautleute ein Prädikat, welches außer ihrem Stande liegt. Der beste Rath, den man dem Prediger geben kann, ist, daß er selbst das Brautpaar frage, unter welchem Character sie aufgebothen werden wollen. Hier wird die eigne Beschämung sie abhalten, einen Character und Titel zu nennen, der ihrem Stande nicht gebührt.
Eben die Verlegenheit tritt ein, wenn die Frage ist, ob eine Braut als Jungfer aufgebothen werden dürfe? Bei Landgemeinden hat es der Prediger leichter, eine Entscheidung zu treffen: aber bei Stadtgemeinden, wo die Verhältnisse verwickelter sind, verdient die Beantwortung eine bedächtlichere Überlegung. Weil die Unterlassung des Ehrennahmens Jungfer einer Injurie gleich seyn würde, so darf der Prediger nicht auf bloßen Verdacht den Nahmen Jungfer weglassen. Zur Weglassung berechtigt ihn bloß a) eine vorhergegangene uneheliche Niederkunft, b) sichere, eines juristischen Beweises fähige Anzeigen und Merkmale einer fleischlichen Vermischung, z. B. wenn die Eltern in der ersten Hitze des Affects ihre geschwängerte Tochter unter den Vorwürfen begangener Liederlichkeit schalten, oder schlugen. — Ist die Sache zweifelhaft, so frage der Prediger, nach vorhergegangener Erinnerung, daß man Predigern und der Obrigkeit die Wahrheit sagen müsse, das Brautpaar, oder die Eltern, ob die Braut als Jungfer aufgeboten werden könne? Den Prediger muß hierbei Klugheit und zugleich der Gedanke leiten, daß er der Ehre der Kanzel nichts vergebe.

Johann Friedrich Christoph Gräfe in seiner »Pastoraltheologie« von 1803.

 

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