Gottesdienst als Grenze

25. Januar 2015

Kleine Kinder und »normale« Gottesdienste. Dieses Thema war schon komplex, bevor wir Eltern wurden. Aber seitdem hat es natürlich an Brisanz gewonnen für uns. Und ich habe mal wieder das Problem: Ich kann alle (na ja, fast alle) Perspektiven verstehen.

Ich kann diejenigen verstehen, die im Gottesdienst Ruhe finden möchten, innerlich und äußerlich. Und sich dann gestört fühlen durch die Lebensgeräusche einer Zweieinhalbjährigen, so konzentriert diese auch bei der Sache sein mag. Auch als Pfarrer gab es schon Situationen, in denen ich mich das abgelenkt hat.

Ich kann diejenigen verstehen, die auf passende Zielgruppen-Gottesdienste (»für Kleine Leute« etc.) verweisen. (Wenn es sie denn gibt.) Und fragen, ob das nicht auch für die Kinder besser wäre.

Vordergründig kann ich auch diejenigen verstehen, die sagen: »Früher hat’s das auch nicht gegeben.« (Nur teile ich die entsprechende Argumentationsgrundlage nicht. Gott sei Dank machen wir auch sonst nicht alles so, wie’s früher war …)

Problem also gelöst? Nein. Denn:

Sollen wir unsere Kinder demnach konsequent raushalten aus allen »normalen« Gottesdiensten? Bis sie sechs sind, oder zehn, oder gar 14 (Stichwort Konfirmandenzeit)? Und damit rechnen, dass sie dann schon noch Zugang finden? Oder ist manche Beheimatungs-Chance dann schon längst vorbei? Und sind es womöglich dieselben Kritiker(innen) von jetzt, die dann den fehlenden Bezug von Jugendlichen zum Gottesdienst beklagen (allgemein oder konkret, etwa bei Taufgottesdiensten mit vielen Gästen, wo liturgieungeübte Kinder und Erwachsene rasch identifiziert und oftmals ausgegrenzt werden …)? Und ist vielleicht auch was dran an meiner steilen These: Wer selbst nicht so vertraut (geworden) ist mit dem Gottesdienst, lässt sich dann auch wieder leichter ablenken durch »störende« Kinder?

Können und sollten Kirchengemeinden sich immer aufteilen in einzelne »Zielgruppen«, um Gottesdienst zu feiern? Oder ist es nicht gerade der christliche Clou, dass manchmal auch alle zusammenkommen, an einem Ort zur selben Zeit? Was natürlich zwangsläufig individuelle Abstriche bedeutet …

Sind (oft getaufte!) Kinder im Gottesdienst nur willkommen, wenn sie »brav« gleich leise sind?

Und soll meine Frau nun selbst jahrelang auf »normale« Gottesdienste verzichten? (Zugegeben, das ist ein Pfarrfamilien-Dilemma. Denn wir können uns kaum aufteilen. Ich muss halt fast immer hin. Ohne Kinder.)

Was also tun? Derzeit gehen wir bewusst an die Grenze. Von Predigt bis Fürbittengebet nutzen wir normalerweise angrenzende Gottesdienst-Übertragungs-Räume. (Wenn es sie denn gibt, in halbwegs ausreichendem Standard.) Aber davor und danach sind wir »ganz normal« mit dabei. Nach Möglichkeit. Denn wenn sich unsere Kinder wohlfühlen in einem (bestenfalls: »ihrem«) Kirchenraum, dann zeigen sie das eben auch auf ihre Weise. Und dann ist die Grenze manchmal auch überschritten, keine Frage.

Oder geht es vielleicht eigentlich um eine angrenzende Frage? Nämlich um das Verhältnis von Sonntag und Alltag, von Gottesdienst und Leben? Treten die Spannungen vor allem dort auf, wo Gottesdienst ausschließlich etwas »ganz anderes« sein soll? Denn diese Unterscheidung, so vermute ich, brauchen erst wir Erwachsene …

Was denkt ihr, was denken Sie? Danke für alle offenen Rückmeldungen! Wir brauchen sie …

 

14 Kommentare zu “Gottesdienst als Grenze”

  1. Anna meint:

    Es können sich ja auch manche Erwachsenen (auch rege Kirchgänger) nicht benehmen. Da beschwert sich niemand…

  2. Heike meint:

    Ich gebe zu, meist bin ich als Mama das Problem – meine Kids (3 und 7) sind brav, keiner stört sich dran, wenn sie auch mal mit großen Augen vor der Orgel sitzen oder beim stillen Gebet fragen, wanns denn jetzt bitteschön weiter geht. Auch passt die Frage “Mama, gehen wir bald heim?” oft nicht in den Predigtkontext. Aber, wie gesagt, selbst in unserer “alten” Gemeinde (Gottesdienstbesuchsdurchschnittsalter ca. 75 Jahre) stört sich keiner. Außer mir (warum müssen jetzt ausgerechnet meine Kinder auffallen? Kinder, leise bitte!). Ergo hab ich selbst von der besten Predigt nichts mitgenommen und dadurch (zumindest in meinen Augen) zwei Stunden am Sonntagvormittag ziemlich “umsonst” (ich schreib es extra in “”, denn umsonst ist selten etwas) verbracht.
    Vielleicht sollte ich einfach lockerer werden – dann hätten nicht nur meine Kids, sondern auch ich selber, und eventuell auch andere Familien etwas vom “normalen” Sonntagsgottesdienst :-)

  3. Magdalena meint:

    Kenne alle Seiten:
    als Pfarrerstochter (meine Mutter wurde oft nach dem Gottesdienst gefragt: war es ihre Tochter, die so laut war? – ja sie war es und trotzdem ging meine Mutter mit uns hin – vor da 30-40 Jahren). Nach meiner Entfremdung von der Kirche habe ich eine Grundlage gehabt, auf die ich aufbauen konnte, als ich wieder den Weg zurück fand. Ich wusste ja, wie “die” ticken… 😉
    Als Mutter – es war mir wichtig, dass meine Kinder den sonntäglichen Gottesdienst als selbstverständlich ansehen und im besten Fall auch gerne hingehen. Nur ungern ging ich in den angrenzenden Raum – da durften die Kids toben und ich hatte nix von der Predigt. Und die Kinder wurden konditioniert – wenn du laut genug bist, gehe ich mit dir raus. Ich habe versucht die Kinder dazu zu erziehen, dass sie die 45-50 min möglichst “brav” sind. Zugegeben, das klappt nicht immer, manchmal dauert es länger und Frau braucht gute Nerven.
    Als normale Gottesdienstbesucherin – heute hat ein Kind bei der Taufe während des gottesdienstes seine Eltern durch sein Verhalten versucht zur Flucht zu bewegen.. Sie gingen nicht. Ich war gespannt, wie der Pfarrer reagiert. Gar nicht. Es schien sich keiner daran zu stören. (Altersdurchschnitt ze. 50-70 J). Mich hat es auch nicht gestört. Der Lautsprecher war gut eingestellt.
    Als Pfarrerin – freue ich mich über jedes Kind, es stört mich fast gar nicht, wenn sie mal quäken oder rumlaufen. Wenn Sie anfangen zu brüllen, biete ich den Eltern an (z.T. Auch während der Predigt), hinten das Kindersofa in Anspruch zu nehmen. Allein das Aufstehen hilft schon oft.
    Zusammenfassung? Es gibt m.E. kein Kompromiss, weil die Befindlichkeiten so unterschiedlich sind.
    Meine persönliche Meinung – mit Kindern hingehen. Sie lernen mehr, als nur leise zu sitzen (was übrigens fürs weitere Leben von Vorteil ist). Sie werden einfach hineinwachsen. Und das ist doch, was wir uns für unsere Kirche wünschen, oder?
    Übrigens finde ich die Jahreslosung 2015 passend zu diesem Thema.

  4. Steffen meint:

    Ich neige im Moment eher dazu, bewusst das Gottesdienstangebot zu differenzieren und hoffe, dass Kinder und Familien dort heimisch werden, um dann auch in “normalen” Gottesdiensten anzukommen. Und dann auch für die, die dem Kinder-/Familienleben entwachsen scheinen.

  5. Friederike meint:

    Danke für diesen Beitrag! Ich denke schon seit längerer Zeit darüber nach, was eigentlich eine Zielgruppe ist. Und wie sinnvoll Zielgruppengottesdienste sind, z.B. wenn ihr eigentlicher Sinn ist, Kinder vom “richtigen” Gottesdienst fernzuhalten…

    Auch der Sonntagmorgengottesdienst ist meiner Meinung nach ein Zielgruppengottesdienst, bloß mit einer so heterogenen Zielgruppe, dass sie kaum eindeutig zu bestimmen ist. Für mich stellt sich daher die Frage, warum generationenübergreifende Angebote und Gottesdienste so rar sind!

    Deine Frage, ob es an dem Wunsch nach dem “anderen” Gottesdiensterlebnis geht, finde ich spannend, denke aber, dass die Spannungen vor allem da auftreten, wo alles so bleiben soll wie es ist.
    Es sei denn, du meinst mit “anders” alles, was anders ist als im Alltag, also keine Kinder, kein Leben, keine Störungen – all das hat man ja zu Hause schon zu oft.

    Manchmal habe ich mich auch schon von irgendwas oder irgendwem gestört gefühlt (als Pfarrerin oder Gottesdienstbesucher). Manchmal habe ich mich aber auch gerne ablenken lassen (als Gottesdienstbesucher).

    Ich finde, jeder ist für sein eigenes Wohlbefinden verantwortlich. Im Zug, im Theater, im Kino, im Gottesdienst. Wenn da jemand laut Musik hört, Kaugummi schmatzt oder mir von hinten gegen den Sitz tritt, dann drehe ich mich um und sage, dass mich das stört. Wenn ich im Gottesdienst bin und mich etwas oder jemand stört, dann würde ich das genau so sagen. Während des Gottesdienstes oder hinterher. Manchmal ergeben sich dann gute Kontakte. Oder einfach nur ein Gespräch über die eigenen Unsicherheiten…

  6. Steffen meint:

    Am wohlsten fühle ich mich in Gemeinden, in denen alle gemeinsam den Gottesdienst beginnen und die Kinder dann vor der Predigt zur KiKi gehen können.
    Das bedarf aber gewisser baulicher Voraussetzungen.
    Da haben wir es aufgrund unseres Erbes leider schwerer als freie Gemeinden oder die Gemeinden mit Neubauten.
    Ein Gottesdienst wird durch Kinder immer aufgewertet, denn das bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten, von denen auch die älteren Kinder Gottes profitieren.

  7. Rüdiger meint:

    Lieber Steffen, ich bin ganz deiner Meinung: Am wohlsten fühle ich mich in einer Gemeinde, in der man gemeinsam beginnt und dann vor der Predigt in altersspezifische Gruppen geht. Klar hat es eine Landeskirche aus baulicher Sicht einige höhere Klippen zu bewältigen als eine Freikirche, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Manchmal braucht es ja gar nicht viel: Ein Spielteppich im hinteren Teil, eine Kiste mit Büchern…

    Ich finde aber auch, daß man als Paar hier seine Verantwortung nicht nur an die Kirchengemeinde abschieben darf, d.h. spüren musss, was geht und was nicht. Wir haben zwei sehr lebendige Kinder. Die saßen nie still und ins sich gekehrt auf dem Schoss. Von daher haben wir uns vorher immer abgesprochen, wer an diesem Sonntag rausgeht, andererseits ist es aber auch gut, wenn die Kinder den Gottesdienst mitbekommen, erleben, daß sie Willkommen sind, ein Stück HEIMAT kennen und lieben lernen. Ich plädiere daher für Geduld, eine Gesprächskultur, Verantwortungsbereitschaft von Eltern (Wo fängt es an zu nerven?) und Kirchenvorständen (Wie werden unsere Räume Familien bzw. Kinderfreundlicher?)…

  8. Steffen meint:

    Ja, alles richtig, lieber Rüdiger.
    Als KGR kann ich aber auch sagen, dass es so leicht auch nicht ist.
    Verständnis setzt guten Willen voraus.
    Den habe ich selten erlebt.
    Und: Eine Spielecke hinter der Sakristei reicht nicht aus.
    Die Bereitschaft etwas selbst zu tun für die Kirche ist sehr gering.
    Die Forderungen aber sind sehr groß.
    “Die ” haben ja nichts hier. …für meine Ansprüche.
    O-Ton.
    Leider sind wir da in weiten Teilen nicht mehr christlich, sondern an die Gesellschaft angepasst.

  9. Philipp Keller meint:

    Unsere Kinder sind auch sehr lebendig und ich könnte aus Angst ein Störfaktor zu sein auch die Predigt verpassen.

    Ich las vor einiger Zeit diesen Artikel von John Pipers “Bethlehems Baptist Church”. Sie raten die Kinder wann immer möglich in den Gottesdienst zu nehmen: http://www.hopeingod.org/document/family-together-gods-presence Aber der Abschnitt “What Happens During Service?” finde ich persönlich schlicht nicht durchführbar..

  10. Jens meint:

    Ich bin überzeugt, alles steht und fällt mit der Erklärung darüber, was Gemeinde im Sinne Jesu eigentlich ist. Wenn ich den Sinn von generationsübergreifender Gemeinschaft vor Gott nicht vermittle, kann ich nicht erwarten, das die Leute Verständnis haben. Wir müssen sie herausfordern, Grenzen zu überschreiten und ein festgelegtes Gottes(dienst)bild zu überdenken. Alles andere wäre nicht mehr als Verhaltensanpassung, wo das Herz unberührt bleibt und eine wirkliche Zuwendung zu den Kindern (z.B. in dem man sie schlicht durch Begrüßung wahrnimmt) auf der Strecke bleibt.

    Ich sehe die Hauptverantwortung bei uns Pastoren. Wer kann denn die Gemeinde prägen, wenn nicht wir?

    In dem Artikel sehe ich dieses Bemühen. Vielen Dank dafür – ein wichtiges Thema.

  11. Michael Molthagen meint:

    Bei uns in der Gemeinde (Baptisten) haben die Eltern der ganz Kleinen die Möglichkeit, während des Gottesdienstes in einen Eltern-Kind-Raum zu gehen (“Aquarium” an der Wand des GD-Raumes). Leider ist der Lautsprecher dort derzeit defekt (aber offenbar der Leidensdruck der Eltern nicht hoch genug, die Reparatur anzumahnen). Manche Eltern bleiben mit den Kleinen auf der Empore. Nur wenige bleiben während des ganzen Gottesdienstes im eigentlichen GD-Raum (und werden dann früher oder später “ermutigt”, sich den EKR oder die Empore anzusehen.

    Dann gibt es für Schulkinder die Sonntagsschule und für die Teenies den Teenie-Kreis – beide Gruppen sind zuerst noch mit drin im GD und wechseln vor der Predigt in ihre Gruppen.

    Als Gottesdienstbesucher und auch als Prediger kann ich sagen: Manchmal bringen mich laute Kinder arg aus dem Konzept. Liegt bei mir aber auch daran, daß ich a) hypersensibel bin und b) Geräusche nicht ausfiltern kann. Meine akustische Wahrnehmung läuft ständig auf Hochtouren – und meine Belastungsgrenze sinkt mit jedem Geräusch. Nach 90 Minuten Gottesdienst (mit Band samt Schlagzeug nach 45 Minuten) leide ich an einer ziemlichen Reizüberflutung samt Kopfschmerzen.

    Wie dem auch sei: Es sind bei uns nicht nur die Kinder, die laut sind. Bis kurz vor dem Ende des Präludiums unterhält man sich laut. Um überhaupt zur Ruhe zu kommen, baue ich am Anfang gerne ein sonst in baptistischen Liturgien nicht so bekanntes “Stilles Gebet” ein. Danach ist dann je nach Gottesdienstelement unterschiedlich lautes “Grundgemurmel” vorhanden.

    Vieles hängt jedenfalls von der jeweiligen Person ab. Wie gut kann ich Geräusche diskriminieren? Wie sensibel bin ich? Ich denke, in jedem Gottesdienst sind gut 20 % Hochsensible (wenn sie nicht längst die Gottesdienste meiden oder gezielt leise Gemeinden suchen, weil sie Lärm als extreme Belastung erleben).

  12. Benny Dueck meint:

    Wir nehmen unsere Kinder so lange in den normalen Gottesdienst mit, bis sie in die Kinderkirche dürfen (mit 3). Die Kirche ist überhaupt nicht dafür ausgelegt. Aber es gibt eine Spielzeugkiste, Bilderbücher und eine sehr nette Mesnerin. Wenn es zu trubelig wird, gehen wir halt raus.

    In den letzten Jahren hat sich noch nie jemand beschwert. Und inzwischen haben sich auch alle mehr oder weniger regelmäßigen Gottesdienstbesucher an uns gewöhnt.

    Letzten Sonntag hat unser Zweijähriger die Gemeinde erheitert: Ich flüstere “Joel, du bist zu laut!”. Joel daraufhin laut und deutlich: “Ich bin nicht laut, der da oben ist zu laut” (zeigt auf die Kanzel).

  13. Daniel meint:

    Danke für die vielen und persönlichen Rückmeldungen! Wir bleiben dran … @ Friederike: Ich meinte tatsächlich den Anspruch, dass sich der Gottesdienst als durch und durch »anders« vom sonstigen Alltag abheben soll.

  14. Steffen meint:

    Und tatsächlich haben wir heute ein sehr liebes und interessiertes dreijähriges Mädel im Gottesdienst gehabt. Es war sogar ein langer mit Abendmahl.
    Das Kind – nach dem Gottesdienst befragt – war “begeistert”.
    War’s schön? Ja.
    Vielleicht liegt im Besonderen der Anreiz.
    Ich darf dabei sein. …

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