Gott und Hiob

5. Juli 2007

Im Theo-Hauskreis lesen wir dieses Semester das Buch Hiob. Um ehrlich zu sein, hat mich diese Erzählung lange Zeit relativ kalt gelassen. Klar, die Frage nach Gottes Gerechtigkeit – unter dem damals höchst gelehrt klingenden Fremdwort »Theodizee« ausufernd im Reliunterricht der Mittelstufe traktiert… So what?!

Doch jetzt hat es mich wieder gepackt. Sogar in den Aufschrieben einer – lohnenden! – Heidelberger AT-Vorlesung (gehört im Sommersemester 2005 bei Manfred Oeming) habe ich gewühlt.

Heute Gestern sind wir auf die beiden Gottesreden gestoßen. Sie finden sich (fast) am Schluss der Erzählung (in Hiob 38 – 41) – und haben es, vorsichtig gesagt, in sich. Da fordert ein verzweifelter Mann seitenlang sein Recht, klagt über ungerechte Behandlung. Dann lässt sich Gott endlich zu einer Antwort herab – und bietet nicht mehr und nicht weniger als drei Stunden Naturkunde. »Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen zur rechten Zeit oder die Bärin samt ihren Jungen heraufführen?« (Hi 38,32) »Wer hat dem Wildesel die Freiheit gegeben, wer hat die Bande des Flüchtigen gelöst, dem ich die Steppe zum Hause gegeben habe und die Salzwüste zur Wohnung?« (Hiob 39,5f) Eindrückliche Formulierungen, keine Frage – aber was bringt es Hiob?! Und ist das nicht überheblich?

Höchst interessant ist, was die alttestamentliche Forschung sagt. Folgende acht Deutungen haben die Gottesreden schon erfahren:

  • Es ist nicht wichtig, was Gott sagt, sondern entscheidend ist, dass Gott redet. Durch die unmittelbare Begegnung mit dem lebendigen Gott werden Hiobs Klagen gewendet. (Franz Hesse, Horst Dietrich Preuss)
  • Gott will Hiob mundtot machen. Er staucht ihn zusammen und speist ihn ab mit einer fragwürdigen Demonstration seiner unendlichen Überlegenheit. Aber die Prahlrede kann nicht verschleiern, dass Gott keine Antwort gibt, sondern sich »herausredet«. Die Gottesreden sind somit eine subtile Form der Religionskritik. (Karl Budde, Carl Gustav Jung, Ernst Bloch)
  • Gott sagt nichts anderes als das, was die Freunde auch schon gesagt haben, besonders Elihu (Hi 36f). Das Getöse aus dem Wettersturm ist ein dramatisches, theatralisches Spiel. Das Buch ist insgesamt eine Satire zum Zweck der Unterhaltung. (Bruce Zuckermann)
  • Die Gottesreden sind eine bewusste Kritik der Weisheit, die an den letzten Welträtseln scheitern muss. (Katharine J. Dell)
  • Die Gottesreden zeigen, dass die Schöpfung ein Spiegelbild der Eigenschaften Gottes ist. Die Vertiefung in die Ordnung der Dinge stärkt den Glauben, dass nach Gottes unergründlichem Ratschluss auch das unverdiente Leiden Ausfluss seiner Liebe und Freundschaft ist. (Paul Szczygiel)
  • Ein Studium der altorientalischen Bilder zeigt, dass die Gottesreden das Motiv vom »Herrn der Tiere« aufnehmen. Gott ist bemüht, das Chaotische und Lebensfeindliche in der Welt zu bändigen, aber es gibt noch andere Mächte auf der Welt, die eine gewisse eigenständige Macht besitzen. Die Gottesreden antworten auf Hiobs Klagen mit einer dualistischen Weltsicht, wonach Gott in stetem Kampf mit den Chaosmächten für den Menschen streitet. (Othmar Keel)
  • Die Gottesreden wollen Hiob ermutigen, dem Vorbild Gottes zu folgen und gegen die Übel der Welt – zumindest innerlich – anzukämpfen. (Jürgen Kegler)
  • Die Gottesreden wollen zeigen, dass Gott sich nicht nur um den Menschen kümmert, sondern dass es über der Ordnung der Menschenwelt noch eine Metaordnung gibt, die Gott ebenfalls beachtet und schützt. Das anthropozentrische Weltbild Hiobs wird dadurch in einer heilsamen Kränkung korrigiert. (Christoph Uehlinger, Manfred Oeming)
  • Was mir persönlich aufgefallen ist: So unbefriedigend das Hiobbuch auf intellektueller Ebene sein mag, so tröstlich wirkt es auf mich. Das mag daran liegen, dass es Gottes Wort ist. Oder auch daran, dass es mir momentan nicht so schlecht geht wie Hiob…

    Was meint ihr zu der Sache?!

     

    2 Kommentare zu “Gott und Hiob”

    1. Rabbi.Lydia ;-) meint:

      Ich tendiere zu der Oeming’schen Deutung.

      Wie schnell verfällt man in Selbstmitleid, weil es einem schlecht geht, obwohl man eigentlichen alles “richtig” gemacht hat. Wenn man sich das anschaut in der Bibel, dann haben alle die Gott nachgefolgt sind, eine beschissene Zeit gehabt, meistens so Ego-Todschlag-Sachen… Rein menschlich betrachtet ist es ja völlig ok, dass Hiob so reagiert, wie er es tut und Gottes Antwort scheint einfach nur blöd… aber am Ende ist es doch so, dass wir uns selbst und unsere kleine Welt mit ihrem Leid viel zu ernst und wichtig nehmen und wenn wir in dieser Jammer-Haltung und Sinnsuche-im-Leid bleiben, dann kommen wir nicht mehr vorwärts… Und Hiob ist da echt ein krasses Beispiel, weil er ja innerhalb kürzester Zeit wirklich alles genommen kriegt, was als Segen eines Gottgefälligen Lebens gilt. Und trotzdem erlaubt Gott nicht, dass Hiob im Selbstmitleid bleibt… es soll ja weiter gehen. Also er ruft vom Himmel: “Baby, I’m in control, ich hab das ganze Universum im Griff, jetzt scheiß dir mal nicht in die Hosen wegen deiner Krise, DU BIST NICHT DAS ZENTRUM DER WELT.”

      Mir selber ging das auch schon so, dass ich wegen Sachen, wo ich absolut Gott gefolgt bin und es mir echt beschissen (nicht so wie Hiob…) dabei ging, gedacht hab, ich bin die einzige die soooooo schlimm dran ist und keiner kann mich verstehen… und dann kam ne Predigt wo Gott mir so eins nach dem andern an den Kopf geknallt hat, tausend Beispiele aus der Bibel, die ähnliches durchgemacht haben… und dann saß ich da und war bissle betreten und hab nur gedacht: “Gott, du Arschloch! aber recht hast du ja…” und das war ein verdammt heilsamer Schlag ins Gesicht, der das um-sich-selber-drehen zerbrochen hat…

    2. Lena meint:

      ich finde diese seite einfach nur spitze!

      liebe grüße ich liebe euch♥

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