Gott und die Welt

27. Januar 2008

Hatte ja schon geahnt, dass es spannend werden würde, sich (wieder) in die frühe Dogmengeschichte einzuarbeiten. Und tatsächlich – so sehr mir der Stoff über den Kopf wächst, so motiviert bin ich. Momentan zumindest noch.

Marcion, eins meiner mündlichen Spezialgebiete, habe ich bislang nur gestreift. Aber auf dem Boden stapeln sich schon spannende Bücher – und selbst am Sonntag konnte ich neulich nicht anders, als schon mal in Adolf von Harnacks ebenso berühmte wie folgenreiche Monographie zu linsen: »Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche«.

Man versteht Marcion nicht ohne die etwa zeitgleich auftauchenden gnosti(zistisch)en Systeme. Und für die wiederum ist ein Hauptcharakteristikum platonischer Philosophie entscheidend (wobei es eigentlich egal ist, ob man nun von »Mittelplatonismus« oder »Neuplatonismus« spricht).

Die Grundannahme lautet: Es gibt einen (!) Gott. (Und das, während Otto Normalbürger zig Götterstatuen im Wohnzimmer rumstehen hatte…) Dieser Gott ist vollkommen transzendent – so, dass man streng genommen nicht mal was über ihn aussagen kann. Dementsprechend abzuwerten ist natürlich alles, was irgendwie mit Materialität zu tun hat – denn das steht in größtmöglicher Distanz zum einen, transzendenten Gott.

…wer so denkt, hat ein Problem: Wie konnte die Welt – durch und durch materiell – dann überhaupt geschaffen werden?! Wie konnte der eine Gott so etwas zulassen?! Die Gnostiker behalfen sich mit verschiedenen Lösungen: Zum einen führten sie verschiedene »Zwischenwesen« ein – Größen zwischen dem einen höchsten Gott und der Welt, die letztlich für die Erschaffung der Welt verantwortlich gewesen sind. Zum anderen sind Welt und Mensch in den entsprechenden, breit ausgeführten Mythen immer Nebenprodukte – Dinge, die am Schluss halt auch noch entstehen. Glaubt man z.B. der Vorstellung der sogenannten Basilidianer, wie Irenäus sie beschreibt, dann wurden von dem höchsten, transzendenten Gott zunächst drei Zwischengestalten abgeleitet – nous, logos und phronesis. Aus phronesis sind sophia und dynamis entstanden. Diese beiden wiederum haben verschiedene Engel geschaffen – und diese Engel haben 365 Himmel hervorgebracht. Der 365. Himmel ist der, den wir sehen…

Doch auch unter dieser Voraussetzung hat man immer noch das Gefühl, als müssten die Gnostiker den höchsten Gott für die Existenz von Welt und Mensch irgendwie entschuldigen. Im gnostischen Philippusevangelium heißt es denn auch relativ unverblümt: »Die Welt war ein Versehen.« Hmm.

Marcion geht diese Sicht noch nicht weit genug: Seiner Ansicht nach haben Welt und Mensch überhaupt nichts mit dem barmherzigen Gott des Neuen Testaments zu tun. Für ihre Erschaffung war ein böser Schöpfergott, ein sogenannter Demiurg, zuständig. (Und von eben dem ist im Alten Testament die Rede…) Wenn man die Sache so sieht, dann ist natürlich auch Sex tabu: Man könnte ja Nachkommen in die Welt setzen – und somit dem bösen Schöpfergott in die Hände spielen…

Klar, das klingt witzig. Ist aber tragisch, wenn man dran denkt, wie sich das auf den Alltag solcher Gruppen ausgewirkt haben muss…

Macht man sich diesen zeitgenössischen Hintergrund klar, so wird einem ansatzweise deutlich, warum die neutestamentlichen Texte so revolutionär wirken mussten. Sie sehen die Sache eben vollkommen anders. Inkarnation, Weihnachten – das bedeutet: Der eine höchste Gott liegt in einer stinkenden Krippe! Gott macht in die Windeln! Gott kriegt Pickel! Den Gnostikern hat es die Schuhe ausgezogen bei solch paradoxen Überlegungen. Und doch – hier passiert das Entscheidende. Welt und Mensch – ja, auch ich selbst – sind eben gewollt. Kein Zufall. Gott ist sich nicht zu schade dafür. Man hat ja häufig gefragt, ob sich die jüdisch-christliche Weltsicht irgendwie qualitativ gegenüber allen anderen Glaubensrichtungen auszeichnet. Ich bin sehr vorsichtig, wenn es um so platte Modelle wie das Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers geht. Aber die überraschende Sicht der Materialität – dieser Aspekt wäre in der Tat ein Kandidat…

Eine eindrücklichere Predigt hätte ich die letzten Tage über nicht hören können. Bin deswegen mit gutem Gewissen noch am Lernen. Obwohl Weil Sonntag ist.

 

Ein Kommentar zu “Gott und die Welt”

  1. Wegbegleiter meint:

    Dogmengeschichte ist superspannend und aufschlussreich zugleich. Zumal wenn man sie mit der eigenen “Dogmengeschichte” und Dogmatik vergleicht (Rudolf Bohren: Theologie ist zu 80% Biographie). Schönes Buch – leider nur noch antiquarisch (mal bei amazon gucken) – zu der Rückkehr des gnostischen Denkens in der heutigen Zeit: Magnus Malm – die Rückkehr von Babel.

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