Gossenreport

30. Mai 2008

Schon vor einiger Zeit habe ich mich geoutet: Ich bin Fan von »BILDblog«. Die tagtägliche Entlarvung peinlicher wie fahrlässiger Pannen der größten Tageszeitung Deutschlands empfinde ich als ebenso humor- wie sinnvoll.

Nun hat Gerhard Henschel noch eine Schippe draufgelegt: Die zweite Auflage seines Berichts »Gossenreport« ist ein wahres Feuerwerk an Enthüllungen. Wer die ebenso differenzierte wie zynisch-süffisante Schilderung eines widerlichen Sammelsuriums aus »Sex-Enthüllungen«, Gewalt-Huldigungen und menschenverachtender Anbiederung auch nur überflogen hat, erahnt, warum Günter Wallraff gerichtlich das Recht zugesprochen wurde, die »BILD«-Redaktion als »professionelle Fälscherwerkstatt« bezeichnen zu dürfen…

Interessant ist Henschels einleitender Hinweis auf das »evangelische[] Wochenjournal[] idea Spektrum«, für dessen Pro-Kontra-Rubrik er im Frühjahr eine Stellungnahme verfasste. Votum: Christen dürfen nicht für »BILD« schreiben – zumindest nicht guten Gewissens. Literarische Gegnerin war übrigens Margot Kässmann.

Unter den zahlreichen Prominenten, die mit »BILD« gemeinsame Sache machen, nimmt der Papst eine besondere Stellung ein. Henschel: »[I]n keinem Evangelium steht geschrieben, daß Jesus einem Gesandten des Springer-Konzerns die Hand gereicht und eine “Gold-Bibel” aus den Klauen eines Chefredakteurs entgegengenommen habe, an denen noch der Blutdunst einer Schlagzeile über zwei im Iran gehenkte Kinderschänder haftete.« Und, kurz zuvor: »Was soll gelten? Matthäus 5, Vers 27 und 28, oder doch eher Kai Diekmanns Aufruf, geile Gören anzurufen und sich bei der Zigarette danach von Friede Springers interessantester Zeitung über alle Einzelheiten des Oralverkehrs eines angeblichen Vergewaltigungsopfers mit einem TV-Moderator unterrichten zu lassen?«

…mal sehr viel allgemeiner gefragt: Dürfen, sollen Christen »BILD« lesen?! Oder lag der Pfarrer richtig, der einem Vikars-Freund ausdrücklich verbot, besagte Zeitung in der dorfeigenen Bäckerei zu kaufen – weil das dem Bild der Gemeinde schaden könne…?

Eins ist dabei völlig klar: Deutschland liest »BILD« – sinkende Auflagenzahlen hin oder her. Und sei es in Person des freundlichen Baggerfahrers, den wir die letzten Wochen über bei seiner Arbeit beobachten durften. Wer die Menschen verstehen will – vielleicht auch über unser gewohntes Milieu hinaus –, muss »BILD« wohl geradzu lesen. Aber bitte nur online, ohne sie zu kaufen…

 

Ein Kommentar zu “Gossenreport”

  1. Johanna meint:

    Hi Daniel,

    hui, das Buch klingt interessant – kannst du mir ja vielleicht mal mitbringen, wenn du nach Tü kommst, oder? :)
    Ansonsten finde ich eigentlich auch, dass gerade du als (späterer) Pfarrer eine Idee davon haben solltest, was so viele Deutsche lesen… – und immer schön parallel bildblog lesen ;-)

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