Gleiches mit Gleichem

28. März 2012

Es ist nicht das erste Mal: Nach fünf Gottesdienst-Einsätzen hintereinander freue ich mich über einen predigtfreien Sonntag, begegne dem zugehörigen Bibeltext also »rein privat« … und stoße prompt auf jede Menge (Predigt-)Anregungen … So geschehen jetzt mit Numeri 21,4-9 – und der geheimnisvoll-dramatischen Erzählung dort:

Da brachen […] [die Israeliten] auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. (Numeri 21,4-9)

Man könnte lange sinnieren, warum Gott die Schlangen überhaupt schickt. Noch spannender fand ich jetzt die Frage, warum er sie anschließend nicht einfach wieder wegnimmt. Obwohl ihn das Volk (logischerweise) genau darum bittet … Gott reagiert zwar auf Moses Gebet. Aber die Schlangen nimmt er eben nicht weg. Im Gegenteil. Eine kommt noch dazu. Gottes Antwort wirkt geradezu grotesk: Ausgerechnet eine erhöhte Schlange – also eben das gleiche Todessymbol, sogar in besonders markanter Ausführung – nimmt den kleinen Schlangen ihren Biss …

An dieser Stelle kann die Geschichte zum Passions-Predigttext werden. Denn auch das Kreuz ist ja keine klassisch-logische Antwort auf menschliches Leiden. Das Leiden Jesu Christi macht menschliches Leiden nicht ungeschehen. Und trotzdem wird etwas anders: Denn wenn – was die Konfis letzte Woche sofort erkannt haben – Gott selbst Verlassenheit erfährt und Verrat, Misserfolg und Zerbruch, Angst und Schmerzen (und wie unsere Schlangen alle noch heißen), – dann verlieren all diese Schicksale ihre entscheidende Macht. Zumindest die verheerende Perspektive der Gott-Losigkeit kommt ihnen gründlich abhanden. Und mit diesem Blick lässt es sich leben.

 

3 Kommentare zu “Gleiches mit Gleichem”

  1. steffen meint:

    ALLES was Gott tut oder lässt, ist immer gut und ein Ja zum (echten) Leben. .
    Die Frage nach dem Warum ist uns nicht erlaubt, denn sie dient nicht dem Leben, sie trennt uns davon.
    In der Frage nach dem Warum steckt das “Murren” wider Gott.
    Diese Frage tötet (ist die tödliche Schlange).

  2. Daniel meint:

    Hmm. Ich weiß nicht. In der Theorie ist das völlig richtig. Und ich habe auch lange gesagt: “Man darf nicht fragen: ‘Warum?’, sondern immer nur: ‘Wozu?’”. Aber führt das Leben nicht auch durch die Klage, sogar durch die An-Klage? Können wir überhaupt glauben, ohne zu murren?!

  3. steffen meint:

    Natürlich ist der Zweifel die andere Seite der Glaubensmedaille.
    Aber: Nicht die Theorie, sondern das Leben lehrt, dass sie die trennende, die tötende Seite ist.
    Nicht mehr zweifeln zu wollen ist das beste am Glauben, und das hat was mit einer persönlichen Entscheidung zu tun.
    Alles was kommen mag ist gut und richtig.
    Annehmen statt immer nur zu murren.
    Ich halte mich da sehr eng an Jesus und an die Worte des von mir sehr geliebten Paul Gerhardt: “Befiehl du deine Wege…”
    Das ist mir ein wertvoller Schatz im Leben, nicht in der Theorie.
    Nicht sehen und doch (blind) glauben! Das ist die Entscheidung. So gelingt es, das eigene Befinden zu überwinden, denn das ist nicht so wichtig, wie wir es oft sehen….

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