Gesprengte Knigge-Regel

29. Dezember 2009

Auch vor 2.000 Jahren, in Israel, schrieb man sich Briefe. Und da die Empfänger wohl ähnlich neugierig waren wie wir ich heute, schrieb man Adressat und Absender außen drauf auf die Papyrus-Rolle.

Mit letzterer Information – doppelt hält besser – begann man außerdem auch gleich den eigentlichen Brief. Anschließend folgte der Empfänger, dann ein Friedensgruß. Also zum Beispiel:

Max Mustermann. An Berta Beispiel. Friede sei mit dir!

Diese drei Elemente waren Pflicht. Jeder kannte sie – und jeder rechnete mit ihnen. Das war sozusagen die Knigge-Regel des Briefanfangs.

Liest man nun den Anfang des Römerbriefs, so stellt man fest: Auch Paulus wusste Bescheid. Vers 1:

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, …

Und dann?

… das er [Gott] zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift, [das Evangelium] von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten, …

Tja. Wo bleibt der Adressat? Fehlanzeige! Paulus vergisst den Adressaten. Bleibt im Absender-Abschnitt stecken.

Wie könnte Paulus deutlicher machen, dass er nicht mehr von sich selbst schreiben kann…ohne zugleich von Gott zu erzählen? Wie könnte er eindrücklicher demonstrieren, dass er sich ganz und gar von Gott her versteht? Schon im ersten Vers wurde ja deutlich, wie Paulus sich definiert: Ein »Knecht Christi Jesu« ist er, ein »Apostel«, also ein Gesandter Gottes. Das »Evangelium Gottes« soll er predigen. Und bei diesem Begriff, da packt es Paulus. Da kann er nicht mehr beim Vorgeplänkel bleiben. Er muss jetzt schon vom Eigentlichen schreiben – und erklären, was (bzw. wer!) die »Gute Nachricht« Gottes genau ist… Und dann sprengt es eben jede offizielle Richtlinie, jede Knigge-Regel.

Und er macht es durchaus schlau, der Paulus. So wie wir früher, in der Schule, wenn die Lehrerin vorne meinte: »Zeit vorbei! Bitte Hefte abgeben! Schreibt den Satz noch fertig.« Den Satz noch fertig? Na – mit ein bisschen Kreativität waren da noch zehn Zeilen drin… Und genauso trickst Paulus im Römerbrief-Beginn: Formal, »offiziell«, befindet er sich immer noch im Absender-Abschnitt. Aber das Entscheidende steht natürlich in den Schachtelsätzen.

Erst in Vers 5 spricht Paulus wieder von sich selbst…aber eben erneut gleichzeitig auch von Gott:

… durch den [Jesus Christus] wir empfangen haben Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden, …

Der christliche Glaube sprengt also geographische und religiöse Grenzen. Und so kommen dann endlich auch die Adressaten ins Spiel. Auch von denen ist allerdings nie alleine die Rede. Auch sie werden immer nur in Verbindung mit Gott genannt:

… zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus. An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom:

Element Nr. 3, den Friedensgruß, übernimmt Paulus dann gerne sofort:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Und da sage noch einer, formale Einleitungsfragen seien langweilig. Für mich waren die genannten Beobachtungen zugleich der Beweis, dass eine »Lehrpredigt« über »trockene« Texte (am 25. Dezember in Luginsland eben Römer 1,1-7) keineswegs langweilig sein muss. Oder?!

 

5 Kommentare zu “Gesprengte Knigge-Regel”

  1. Thomas Villwock meint:

    …hätte ich diesen Gedanken gehabt, dann wäre ich am Abend vor Heilig Abend nicht kurzfristig auf den Lukastext umgestiegen.

    Ohne eine solch pfiffige Idee blieb jener Briefanfang für eine Predigt an Heilig Abend wie Du schon sagtest “trocken”.

    In sechs Jahren habe ich dann schon die halbe Predigt. Wenn ich bis dahin nicht Deinen Einfall vergessen habe ;-)

  2. Daniel meint:

    Stimmt – die Weihnachtsgeschichte gibt sich auf der Erzählebene wesentlich dynamischer… :-)

  3. Tobi meint:

    Natürlich nur unwesentlich wesentlich ;-)

  4. Miriam meint:

    Achso, das war ein Predigtanfang *g* dachte eher, so ein Schmankerl unter Theolog_Innen :p damit die Römerbrief-VL leichter rein geht ;)

  5. Daniel meint:

    Hehe. :-) Nee, nicht nur der Predigtanfang (das wäre dann doch ein bisschen viel geworden) – sondern ein Abriss der kompletten Predigt.

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