Geruhsame Fahrt

27. Dezember 2010

…oder: Protokoll einer ganz normalen Reise mit der tansanischen Eisenbahn.

Donnerstag, 2. September, 9.15 Uhr: Unser Vorhaben, eine längere Strecke mit der TAZARA (der »Tanzania Zambia Railway«) zurückzulegen, nimmt erstmals konkrete Formen an. Wir betreten den Bahnhof von Mbeya, ein imposantes, im Schnellverfahren hochgestampftes Gebäude außerhalb der Stadt. Kommen uns leicht einsam vor. Außer uns haben sich nur zwei, drei weitere Personen hierher verirrt. Eine von ihnen ist allerdings TAZARA-Angestellter. Und sein Booking Office hat geöffnet.

Unser Vorhaben, uns ein Vierer-Abteil der ersten Klasse zu sichern (ansonsten dürfen Männer und Frauen im Liegewagen nicht gemeinsam reisen…), scheitert jäh. Alles ausgebucht. Uns bleiben zur zwei »Super Seater«-Sitzgelegenheiten – irgendeine Kategorie zwischen zweiter und dritter Klasse. Für eine Fahrt, die theoretisch 24, praktisch meist 36 Stunden und länger dauert, nicht unbedingt optimal. Na ja.

Samstag, 4. September, 8.30 Uhr: Der belebte Bahnhofsvorplatz ist nicht wiederzuerkennen. Heute fahren immerhin zwei Züge ab – unserer nach Dar es Salaam, ein anderer Richtung Sambia. Drinnen ist allerdings noch wenig los. Nur ein paar weitere Mzungus, die noch gar kein Ticket haben – und auf die Öffnung des Schalters warten. So erfahren wir nebenbei, dass der Aushang unserer Unterkunft uns eine falsche Abfahrtszeit übermittelt hat: Nicht um 9.00 Uhr fahren wir ab, sondern doch erst um 15.00 Uhr. Geht in Ordnung…

10.45 Uhr: Unsere Mit-Weißen sind irgendwie doch noch an Erste-Klasse-Tickets gekommen. Eine Gruppe bekommt sogar noch ein (offenbar vorher reserviertes) Erste-Klasse-Abteil – ganz ohne Bestechung! Uns werden zwei einzelne Plätze im Liegewagen angeboten. Wir lehnen ab. Es werden schon noch zwei Mzungus auftauchen, die uns in ihrem Abteil mitfahren lassen…

11.40 Uhr: Ich hole uns erst mal was zu essen – Reis, Bohnen und Pommes.

12.30 Uhr: Vor dem Hauptportal wird gemächlich die folgende Tafel präsentiert, in der Woche für Woche jeweils nur Datum und Uhrzeit erneuert werden (Mausklick vergrößert):

Wir ziehen nach draußen um, machen es uns unter einem Baum gemütlich.

13.00 Uhr: Offizielle Reporting Time. Es sind zwar noch andere Weiße gekommen – die sind aber jeweils zu dritt oder viert…

13.30 Uhr: Wir treffen einen einheimischen Schüler, mit dem wir uns schon vorgestern gut unterhalten haben. Er wartet auf einen Freund. Vier Stunden später meint er, er müsse jetzt mal gehen.

17.45 Uhr: Wir hören von zwei Mzungus mit Erste-klasse-Abteil! Und tatsächlich: Hinter dem Bahnhofsgebäude sitzen Karin und Martin. Sie haben schon vor einer Woche gebucht. Und lassen uns mitfahren!

18.30 Uhr: Ein TAZARA-Mitarbeiter verrät uns, der Zug habe gerade die knapp 100 Kilometer entfernte Grenze passiert – und sei in zwei Stunden da.

18.45 Uhr: Ich beauftrage einen Einheimischen, gegen Provision unsere Sitzplätze weiterzuverkaufen.

20.30 Uhr: …dieses Vorhaben gelingt dann sogar. Rund 30 % des Ursprungspreises hole ich noch rein.

20.45 Uhr: »Nur noch 40 Minuten«, versichert uns der TAZARA-Mitarbeiter. Wir suchen schon mal den hinteren Bereich des Bahnsteigs auf, wo die Erste-Klasse-Waggons halten sollen.

22.00 Uhr: Ein Zug kommt. Unser Zug! Wir haben ein Abteil. Durchaus vergleichbar mit dem Komfort deutscher Liegewägen!

22.30 Uhr: Kreischend setzen wir uns in Bewegung. Leider in die falsche Richtung. Offenbar wird noch ein Wagen angehängt. Diverse weitere Rangierfahrten folgen.

23.00 Uhr: Es geht los! Nach einem Abendessen im Speisewagen heißt es: Gute Nacht…

9.00 Uhr: Wir wachen auf – und halten in Uchindile. Anders ausgedrückt: In zehn Stunden haben wir 200 Kilometer geschafft. Knapp 900 sind es insgesamt. Hmm. Aber immerhin mussten wir auch auf unseren Gegenzug warten.

9.30 Uhr: Wir ergattern noch vier Portionen Frühstück. Toast mit Butter, Spiegelei, Würstchen. Nicht schlecht!

11.30 Uhr: Eine Mitreisende fragt aufgeregt, ob wir schon wüssten, dass wir voraussichtlich um 1.00 Uhr nachts in Dar ankämen. Wir können sie beruhigen. Erstens könnten wir dann vermutlich im Zug weiterschlafen. Und zweitens war’s das sicher noch nicht mit der Verspätung.

15.30 Uhr: Ganz richtig. In einer kleinen Ortschaft bleiben wir mal eben eine Stunde stehen. Schade – das attraktive Selous Game Reserve werden wir auf diese Weise erst nachts passieren. Es sei denn, wir bleiben nochmal liegen. Tun wir aber nicht.

20.00 Uhr: Der mitfahrende TAZARA-Angestellte sagt voraus, wir würden um 4.00 Uhr morgens ankommen.

20.45 Uhr: Wir passieren die Grenze zum Selous Game Reserve – bei totaler Finsternis.

21.00 Uhr: Es gibt weder Cola noch Wasser zu kaufen – nur noch Bier.

22.15 Uhr: Das Abendessen muss ausfallen. Keine Vorräte mehr. Egal. Unsere Reserven reichen. Gute Nacht.

5.00 Uhr: Wir sind da! Knapp 15 Stunden Verspätung. Passt. Ab nach Sansibar!

Fazit: Eines unserer eindrücklichsten Erlebnisse. Und ein Jammer, dass die TAZARA nicht häufiger fährt. Ein Grund dafür: Dann wäre der Zug Konkurrenz für die gut florierenden Überlandbus-Unternehmen, von denen nicht wenige Parlamentariern gehören. Die Korruption lässt mal wieder grüßen.

 

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