Gelockt, gerufen, geliebt

14. Juni 2013

2001 hätte ich noch nicht viel anfangen können mit Brian McLarens Buch »A New Kind Of Christian«. Um 2006 herum, fünf Jahre nach Erscheinen, wurde es zu einem wichtigen – und gerade deshalb auch kontrovers diskutierten – Wegbegleiter für mich, bis heute. Für mich als angehenden Pfarrer hat es in erster Linie seelsorgliches Potenzial: Was kann ich leisten in meinem Beruf – und was getrost Gott überlassen?

Die Lektüre von Band 2 der Serie, erschienen 2003, habe ich noch länger aufgeschoben (was ich mit auf den verwunderlichen Skandal schiebe, dass sich immer noch niemand an die deutsche Übersetzung gewagt hat). In »The Story We Find Ourselves In« geht McLaren nur noch indirekt auf mögliche Engpässe evangelikal geprägter Theologie ein. Vor allem unternimmt er den Versuch, vom tatsächlichen Potenzial ganzheitlich gedachten und gelebten Glaubens zu erzählen. Für die entscheidenden Impulse sorgt dabei nach wie vor sein Protagonist Neo, der jetzt aber seine Gesprächspartner(innen) nicht mehr nur zu sokratischen Zwischenfragen heranzieht, sondern seine Gedanken dialogisch entwickelt.

Mein bisheriges Highlight ist folgende Überlegung: Wie wäre es, wenn sich unsere Zeit nicht von der Vergangenheit her in die Zukunft schiebt, … sondern von der Zukunft angezogen wird? Wenn Gott uns nicht als metaphysischer Uhrmacher (und womöglich Frührentner) in eine ungewisse Zukunft stolpern lässt, sondern ebendort auf uns wartet? Wenn wir nicht gedrückt und gestoßen werden, sondern gelockt, gerufen … und geliebt? So wie Abraham? Ein Kind jedenfalls lernt dann wesentlich besser laufen …

»Yes, exactly, and do you see the difference between being invited and being pushed?« Neo asked.
»Why, of course!« Kerry said. »It’s the difference between being forced and being free, between being controlled and being … loved. It’s all the difference in the world.«

Sogar eine trinitarische Analogie entwickelt McLaren in diesem Zusammenhang: Gott lässt uns von der Vergangenheit her ins Leben laufen, begleitet uns in der Gegenwart … und wartet in der Zukunft auf uns. Was wiederum zeigt, dass die Vergangenheit natürlich nicht an Bedeutung verliert. Aus der »Ruderboot-Perspektive« ist sie aber eine Art Rückspiegel in die Zukunft.

 

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