Geben oder Gehen?

23. Mai 2007

…ein Thema, das mich seit vielen Jahren persönlich herausfordert – und jetzt dem Projekt »3D Bloggen« eine Fortsetzung beschert… Bin gespannt, was Dave und Simon (de Vries) so meinen…

In der Fußgängerzone, am Bahnhof, vor dem Supermarkt, in Tübingen neuerdings regelmäßig vor der Post – überall sitzen sie: Obdachlose. Menschen ohne festen Wohnsitz. Bettler. (Mit dem Wort »Penner« habe ich bis heute ein Problem.) Manche spielen ein Instrument, verkaufen Straßenzeitungen, … – aber viele bitten einfach so um Geld – mehr oder weniger erfolgreich.

Was tun? Und, gar nicht so viel einfacher: Was tun als Christ?!

Überhaupt nichts (mehr) anfangen kann ich mit dem Satz: »Die haben es nicht anders verdient.« Das sagt sich leicht von oben herab. Ein Gedankenspiel: Angenommen, mein Studentenwohnheim würde heute abbrennen. Mir fallen gut und gern zehn Menschen ein, die mich mit Sicherheit jahrelang finanziell unterstützen würden. Aber wenn ich die nun mal nicht hätte…

Mit Geld kann man viel kaufen. Essen. Aber eben auch Zigaretten, Schnaps und noch härtere Drogen. Andererseits: Wenn diese Leute nun mal schon abhängig sind? Wenn es eben um den heutigen Tag geht, nicht um eine langjährige Perspektive?

Nicht alle müssten da sitzen. Manche betrügen. Andere werden gezwungen, auf die Straße zu gehen – und behalten nichts von ihrem »Verdienst«. Das sind aber definitiv nicht alle…

»What would Jesus do?« Sicher – viele hätte er geheilt. Und das gleich richtig, innerlich und äußerlich. Fakt ist aber auch: Er hat damals nicht alle geheilt. Und, viel wichtiger: Ich bin nicht Jesus. Und doch – es könnte doch einen Unterschied machen, wenn man zu ihm gehört…

Und wenn Jesus selbst da säße? »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« (Matthäus 25,40b) Also nur helfen, weil man eben muss…?! – Andererseits: Die Menschen im Gleichnis haben ja nicht kalkuliert. Sie haben definitiv aus Liebe gehandelt, weil Menschen ihre Hilfe gebraucht haben. Das gibt es eben auch!

Letztlich braucht jeder Mensch die Nachricht von der Liebe Gottes – also auch Obdachlose. Nur – wie drückt sich diese Liebe aus? In Taten? In Worten? Oder wäre beides wichtig?

…ein riesengroßes Gedanken-Wirrwarr. Was bleibt?!

Von zwei Vorstellungen möchte ich mich verabschieden (Theologen könnten zwischen den Zeilen Dietrich Bonhoeffer hören…):

  • …dass ich aufs Helfen verzichten könnte, ohne damit schuldig zu werden.
  • …dass ich durch’s Leben gehen könnte, ohne jemals schuldig zu werden.
  • Ganz konkret versuche ich, Folgendes zu beherzigen:

  • Ich mache mir bewusst klar, wie reich beschenkt ich bin – und lerne es, dankbar zu sein.
  • Ich gebe prinzipiell niemals Geld – und begründe das auch, wenn nötig.
  • Ich versuche, mit was »Praktischem« auszuhelfen, z.B. Essen…
  • …und habe, wenn möglich, immer was dabei (Müsliriegel! ;) ).
  • Auch wenn ich nix gebe, muss ein freundlicher Blickkontakt drin sein.
  • Wenn möglich, nehme ich mir Zeit für ein Gespräch. Und wenn es nur zwei Sätze sind.
  • Ich bete für die Obdachlosen, denen ich begegne.
  • Ich unterstütze Projekte, die strukturell etwas ändern möchten. Kaufe z.B. Straßenzeitungen.
  • Und: Ich versuche, alles an Gott abzugeben. Er kann Menschen und Strukturen verändern – nicht zuletzt mich selbst.
  • …es mag albern klingen, so exakte »Spielregeln« aufzustellen – aber mir hilft es.

    Bin natürlich gespannt, was ihr so meint…

     

    4 Kommentare zu “Geben oder Gehen?”

    1. Achti meint:

      Dieses Thema beschäftigt mich seit Jahren. Und ich habe keinen Frieden damit.
      Ich gebe inzwischen auch Geld. Woher will ich mir anmaßen zu entscheiden, was derjenige gerade wirklich braucht? Und ein Alki braucht seinen Alk! Wenn er kein Geld hat, wird er kriminell. Daran möchte ich mich auch nicht verschuldigen.
      “Richtet nicht…” hab ich immer im Ohr. Doch was heißt das? Es heißt einerseits, dass wir nicht über Heil und Unheil entscheiden. Das macht der Herr alleine.
      Es bedeutet auch nicht, sich verarschen zu lassen und ungeprüft Geld aus dem Fenster zu werfen.
      Z.B. gebe ich Leuten im jugendlichen Alter nichts. Die haben andere Möglichkeiten. Ältere bekommen einfach keine Arbeit mehr.
      Auch gebe ich nie was an linksradikale Punker. Dabei geht nicht um die politische Gesinnung, sondern um die Einstellung überhaupt: Systemkritisch ohne Ende, “Arbeit ist Scheiße” steht auf einem Ärmel, auf dem anderen steht “F… Dich!”. Und diese Hand streckt sich mir entgegen. Nee, f… Dich selbst. Wer gegen das System ist, hat kein Recht es auszubeuten. Nichts tun und rumlungeln ist keine Alternative.

      Aber eine wirklich brauchbare Handhabe fehlt mir. Immer wenn ich tatenlos weitergehe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Echte Hilfe sähe auch wohl anders aus, als nur schnell was geben. Doch wer tut das schon?

    2. Daniel meint:

      …das mit dem Geld ist halt so eine Sache… Einer Gruppe von Punks vor dem McDonalds am Heidelberger Bismarckplatz habe ich mal eine Runde Burger angeboten. Die wollten sie partout nicht haben – und der Kommentar “Mann, wir brauchen doch Geld für Drogen!” – hat mich dann in meiner Sicht bestätigt… Klar – wirklich geholfen war denen dann nicht…

    3. Daniel meint:

      Heute morgen saß ein Bettler vor der Kirche. Kam sowieso schon zu spät. Hatte weder Essen noch Geld dabei. Meinen Gruß hat er nicht verstanden, glaube ich. Saudoofe Situation.

      Im Gottesdienst ging´s um´s Thema “Segnen” (4. Mose 6,24-26). Hätte ihn segnen sollen, glaube ich. Nehme ich mir vor für eine etwaige nächste Begegnung (derselbe Mann soll schon mehrmals da gewesen sein).

    4. bie3ewr meint:

      hey das hat mir sehr geholfen ic danke dir für deinen beitrag

    Deine Meinung?!