Frieden und Gewalt

1. Dezember 2009

Schon im Januar 2009 ist sie erschienen. Letzte Woche ist sie mir in die Hände gefallen – die »Internationale Ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden«, erarbeitet vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK).

Genau genommen handelt es sich um den ersten Entwurf, der – so die ausdrückliche Ermutigung – umfassend kommentiert und diskutiert werden (und im Mai 2011 in eine Schlussfassung münden) soll. Eine Aufgabe, die eigentlich Fachgruppen und Kirchenkonferenzen übertragen wurde. Deadline war allerdings schon der 30. November. Weswegen ich rasch gehandelt – und selbst eine konstruktive Rückmeldung verfasst – habe. Der Text ist somit mit heißer Nadel gestrickt – aber das macht ihn vielleicht um so interessanter… Eure Meinung ist sehr erwünscht!

Internationale Ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden
Anmerkungen zum ersten Entwurf

Stuttgart, 28. November 2009

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen einer interaktiven Ausstellung zum Thema »Häusliche Gewalt überwinden« ist mir erst vor wenigen Tagen der erste Entwurf der Internationalen Ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden in die Hände gefallen. Ich bin begeistert über diese Initiative – und halte insbesondere die Struktur des vorliegenden Textes für überzeugend. (In der mir vorliegenden Druckfassung fehlen leider die Seiten 25 und 26!)

Zwei theologische Aspekte vermisse ich allerdings noch in dem Papier – und ich könnte mir vorstellen, dass die damit verbundenen Leerstellen substanzielle Kritik provozieren. Umgekehrt denke ich, dass die Gesamt-Argumentation durch Nennung dieser beiden Gesichtspunkte entscheidend an Kraft gewinnen könnte.

Da ist zum einen die Beobachtung, dass das Thema der Gewalt auch der Bibel keineswegs unvertraut ist. »Scham und Schuld, Beschuldigung und Lügen, Verweigerung von Verständigung und Mord, Betrug und Rache, Furcht und Angst, Begierde und Vergewaltigung, Raub und Plünderung« (Zitat Seite 16 des deutschen Entwurfs) – dass all diese Phänomene auch Bestandteil unserer Heiligen Schrift sind, ist doch bemerkenswert! Beginnend mit Kain und Abel bis ins Neue Testament zieht sich auch durch die Bibel eine Spur der Gewalt. Ich sehe gerade darin die Ermutigung für uns Christinnen und Christen, alltägliche Gewalt nicht verschämt zu verschweigen, sondern mutig in den Blick zu nehmen. Die Inkarnation Gottes beinhaltet in meinen Augen auch dies: Gott geht ein in den menschlichen Alltag, in die menschliche Gewalt – und (so die unerhörte Botschaft!) transformiert diese Gewalt sozusagen, indem er seine Geschichte mit den Menschen, eben auch mit den gewalttätigen Menschen schreibt. Exemplarisch sei Genesis 50,20 zitiert (Luther-Übersetzung): »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«. Wäre das nicht eine Erwähnung wert in der Erklärung zum gerechten Frieden (z.B. im Kontext des einleitenden Abschnitts 28., »Das Geheimnis des Bösen und der Bosheit des menschlichen Herzens – Gestalten von Gewalt«)? Andernfalls könnte aus meiner Sicht der Eindruck entstehen, die biblisch fundierte Forderung des Friedens mache eine Auslassung zahlreicher biblischer Texte notwendig (was zu Recht entsprechende Kritik aus den verschiedensten »Lagern« hervorrufen würde).

Ebenso müsste aus meiner Sicht auch diejenige Gewalt angesprochen, die Gott offensichtlich selbst ausübt – was ja nicht nur in »kriegerischen« biblischen Büchern wie Josua oder Richter der Fall ist (vgl. zusammenfassend Amos 3,6 oder Jesaja 45,7: »… der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der Herr, der dies alles tut«). Diese Form von Gewalt pauschal mit dem allgemeinen Phänomen »Gewalt« zu identifizieren und auf diese Weise kategorisch abzulehnen, halte ich für problematisch. Grundlage für diese Sicht ist eine Unterscheidung von Gottes- und Menschenwerk, gewissermaßen auch von Dogmatik und Ethik. (Dass in der Geschichte allzu oft menschliche Gewalt fälschlicherweise als von Gott angeordnete Gewalt propagiert wurde, steht auf einem anderen Blatt.) Provokant ausgedrückt: Die Dekade zur Überwindung von Gewalt darf nicht unter der Hand zur Dekade zur Überwindung gewisser »schwieriger« Bibelstellen mutieren! Vielmehr ist differenzierte Exegese notwendig, um den Gott des Friedens, den die Bibel und zweifelsohne vor Augen malt, mit der Beobachtung göttlicher verursachter Gewalt zusammenzudenken. Auch hier gilt: Die beschriebenen Gedanken sollten in der Erklärung zum gerechten Frieden nicht zuletzt deswegen Platz finden (z.B. im Rahmen von Kapitel 1 – »Der Gott des Friedens und der Friede Gottes«), weil nur so von vornherein dem naheliegenden Vorwurf begegnet werden kann, eigentlich zeichneten die biblischen Texte ein widersprüchliches Gottesbild, das nur nachträglich auf das Thema »Frieden« hin zugespitzt werde. Das Gegenteil ist aus meiner Sicht der Fall: Der hebräische Begriff des »Schalom« ist so umfassend und kräftig, dass er sogar die Erfahrung von Gott selbst ausgeübter Gewalt umfasst, die Konfrontation damit nicht scheuen muss!

Ich würde mich freuen, wenn Sie die genannten Überlegungen bei Ihren weiteren Überarbeitungen berücksichtigen könnten. Für eben diese wünsche ich Ihnen viel Erfolg – und Gottes Geist!

Mit herzlichem Gruß aus Stuttgart,

Daniel Renz
(Vikar in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart)

 

3 Kommentare zu “Frieden und Gewalt”

  1. Johannes meint:

    Ein wirklich interessanter Beitrag!
    Allerdings habe ich mich weder mit dem besprochenen Papier, noch mit dem Thema “Gewalt” ausführlicher befasst. Deswegen hier nur ein recht unqualifizierter Kommentar: Deine “andere” und in gewisser “inklusive” Sicht von speziell Gottes Gewalt finde ich biblisch angemessen, wenn auch systematisch nicht unproblematisch. Als konstruktive Frage: Inwiefern wird (auch in dem Papier) “Gewalt” umfassender und so auch positiv, z.B. als souveräne Macht verstanden? Mir scheint, in unserem Kontext ist das Wort “Gewalt” immer schnell sehr negativ konnotiert. Luther kannte das Wort in dieser Weise noch nicht, glaube ich.

  2. Daniel meint:

    Danke, Johannes, für die rasche Reaktion!

    Stimmt – als Systematiker (der ich eigentlich, vom Typ her, bin) zuckt man erst mal zusammen bei solchen Zeilen… Aber die Aussage, dass Leute wie Luther “Problemdenker” waren, keine “Systemdenker”, macht in diesem Zusammenhang schon Sinn, finde ich. Auch die Bibel scheint mir kein rationales Glaubenssystem aufzubauen, sondern von bestimmten konkreten Lebens- und Glaubensfragen zu erzählen.

    Zur positiven Füllung des Begriffs »Gewalt«: Da würde ich erst mal einfach von »Macht« sprechen – der Möglichkeit, auf das Leben anderer Menschen einzuwirken. Auch die ist ist ja per se nicht negativ, wird aber meistens gleich so verstanden. Auf diese Unterscheidung geht das Papier durchaus ein, wenn auch recht knapp. (Auch mein Ausbildungspfarrer hat einen lohnenden Artikel dazu geschrieben: »Mut zur Macht«. Vielleicht stelle ich ihn bald mal online.) Allerdings: Im Blick auf Gott entspricht es ja christlichem Sprachgebrauch, »Gewalt« positiv zu gebrauchen – auch im Advent (»Siehe, der Herr kommt gewaltig« etc.). Lohnt sich sicher, dem nachzugehen…

  3. Daniel meint:

    Heute schon kam übrigens eine Antwort!

    Sehr geehrter Herr Renz,

    Haben Sie besten Dank für Ihre Reaktion zum Ersten Entwurf einer Internationalen Ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden. Wir sind froh auf Ihren Hinweis, dass Sie zwei theologische Aspekte besonders vermissen und diese näher ausführen. Ich bin sicher, dass die Redaktionsgruppe Ihre Bemerkungen aufmerksam lesen wird. Die Gruppe wird in den nächsten Tagen erstes Material erhalten, damit sie sich auf ihre Sitzung im März adäquat vorbereiten kann.

    Nochmals herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Arbeit und
    mit freundlichen Grüssen aus Genf

    [...]
    Projektassistentin
    DOV/IEPC Office

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