Freigesprochen!

10. Januar 2016

Gottes Wort für diesen Altjahrsabend hören wir aus dem Römerbrief, aus Kapitel 8. Da landen wir in einem Gerichtssaal. Und wir platzen mitten hinein in eine Gerichtsverhandlung. Der Verteidiger hält gerade sein Plädoyer:

[…] Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben — wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht [Psalm 44,23]: ‚Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.‘ Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,31b-39)

… irgendwie ist das eine merkwürdige Gerichtsverhandlung.

Das Thema ist ernst. Es steht ganz viel auf dem Spiel. Um Verdammnis geht es. Um Scheidung. Das alles droht.

… und zugleich scheint schon längst festzustehen: Die Sache geht gut aus. Die Grundstimmung ist zuversichtlich, fast triumphal.

… aber der Reihe nach. Schauen wir uns erst mal um in diesem Gerichtssaal. Wer ist da eigentlich beteiligt?

Da ist zunächst die Anklagebank. Auf ihr — die Angeklagten. An einer Stelle werden sie näher beschrieben: »die Auserwählten Gottes«. Und damit ist den neutestamentlichen Briefen niemand anderes gemeint als … die Christen. Die Christen damals in Jerusalem oder Rom — und die Christen heute in Stuttgart oder Murr.

Wir also, liebe Mitchristen, sitzen heute, am Altjahrsabend 2015, auf der Anklagebank. Und wir hören: Es gibt Ankläger, die uns beschuldigen. Die uns verdammen. Die uns scheiden wollen von der Liebe Christi.

Wer sind diese Ankläger? Sie treten ganz unvermittelt auf, einer dicht nach dem anderen: »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?«

Da ist die Trübsal. Also eine Lebenshaltung, die in allem nur mit Schwierigkeiten rechnet: »Das bringt ja eh nix …« — »Was kann man da schon machen?« Wenn uns die Trübsal packt, dann packen wir nichts mehr an. Dann versäumen wir es, mit Mut und Gottvertrauen unser Leben zu gestalten. So will sich die Trübsal zwischen uns und Gottes Liebe schieben.

Aber auch die Angst klagt uns an. Die Angst kann übergroß und mächtig werden. Und dann dreht sich das Leben nur noch um das, was Angst macht. Um die Krankheit, die schlechten Noten, den Abschied von lieben Menschen, den streitsüchtigen Arbeitskollegen oder Geldsorgen. Auch die Angst will Gott zur Seite drängen, uns von ihm trennen.

Dann kommen Verfolgung oder Hunger oder Blöße. Drei Begriffe für menschenunwürdige Armut. Global gesehen sind das vielleicht die schlimmsten Ankläger der Menschheit. Wir können Welten bewegen, aber die Güter der Erde können wir nicht gerecht verteilen. Und wenn Menschen zu uns fliehen vor Verfolgung oder Hunger oder Blöße, dann haben wir Angst um den Wert unserer Grundstücke. »Handelst du nach Gottes Liebe?«, lautet hier die Anklage. »Oder weißt du nicht, was Gottes Liebe ist?«

… und dann die letzten beiden Mächte auf der Anklagebank: Gefahr oder Schwert. Also die Gewalt in all ihren Facetten. Auch davon hatten wir 2015 genug auf unserer Welt. Beginn und Ende lagen in Paris, mit den grässlichen Anschlägen dort. Dazwischen der Todesflug in die französischen Alpen. Die immerwährenden Bürgerkriege. Aber auch die Gewalt in unserem »ganz normalen« Alltag. Gefahr und Schwert klagen an, indem sie fragen: »Kann es einen liebenden Gott geben, wenn all das passiert?«

Wenn wir unser persönliches Jahr 2015 vorbeiziehen lassen, dann fallen uns noch andere Dinge ein, die gegen uns gesprochen haben, die uns anklagen, von Gottes Liebe trennen möchten.

Auch wir als Kirchengemeinde sind angeklagt. 19 Bestattungen hatten wir dieses Jahr. 19mal hat uns also der Tod gefragt: »Wo ist jetzt euer Gott mit seiner Liebe?« Und 26 Gemeindeglieder haben wir durch Austritt verloren. Viele haben das kombiniert mit ihrem Herzug — aber es waren auch langjährige Gemeindeglieder mit dabei. Hätten wir es ändern können? Hätten wir ihnen Gottes Liebe besser zeigen können? Könnten wir einladender sein hier in Murr? Auch das sind Fragen von der Anklagebank.

Die Bank der Ankläger ist also gut gefüllt. Sie hat Gewicht. Sonst gäbe es ja auch gar keine Gerichtsverhandlung. Und das Thema ist ernst. Es steht ganz viel auf dem Spiel. Wir sollen verdammt werden. Geschieden von der Liebe Gottes.

… aber was ist nun mit diesen mächtigen Anklägern in unserem Predigttext?

… sie kommen gar nicht richtig zu Wort. Sie kommen nur vor in der Rede des Verteidigers.

Der Verteidiger, das ist im Römerbrief der Apostel Paulus. Paulus, der sitzt zusammen mit uns Christen auf der Anklagebank. »Wir«, sagt er immer wieder. Wir sind gemeinsam angeklagt. Aber Paulus steht auf. Und ist zugleich unser Verteidiger.

… und was für einer! Im Brustton der Überzeugung hält Paulus sein Plädoyer. Eine rhetorische Frage nach der anderen schleudert er in den Gerichtssaal. »[W]er kann wider uns sein?« — »Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?« — »Wer will verdammen?« — »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?« — »Wer, bitteschön? Will jemand was sagen?« Dann ruft er die Ankläger auf, von denen wir es hatten. Aber er serviert sie sofort wieder ab. Er führt sie höhnisch vor. Und gibt dann endlich die triumphale Antwort auf seine große Frage. Nämlich: »[Niemand kann] uns scheiden […] von der Liebe Gottes«!

Das Ergebnis dieser Gerichtsverhandlung steht für Paulus schon längst fest. »[Niemand kann] uns scheiden […] von der Liebe Gottes«!

Warum weiß das Paulus das?

… er weiß es, weil er den Kopf hebt. Und dem Richter in die Augen blickt. Paulus kennt Gott, der die Fäden in der Hand hat. Und Paulus kennt das höchstrichterliche Grundsatzurteil: Freispruch in Jesus Christus. Wir sind freigesprochen.

Paulus weiß: Gott, der Richter, ist nicht neutral. Denn in Jesus hat er sich schon längst auf unsere Seite gestellt. »Der auch seinen eigenen Sohn […] für uns alle dahingegeben [hat] — wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« Unser Gott legt sich in eine Futterkrippe. Er stirbt an einem Kreuz. Er verlässt das Grab. An dieser Liebe rüttelt nichts und niemand.

… oder nochmal anders formuliert: »Gott ist hier, der gerecht macht.« 1.500 Jahre wird Martin Luther in Sätzen wie diesen und überhaupt im Römerbrief das Evangelium entdecken: Gott fordert keine Gerechtigkeit von uns. Er schenkt sie uns. Mit ihm sind wir schon gerecht.

Wir sollen und wir müssen unsere Ankläger ernstnehmen. Sie haben uns dieses Jahr das Leben schwer gemacht. Aber von Gott und seiner Liebe trennen können sie uns nichts.

… und noch mehr: Sogar aus Trübsal, aus Angst, aus Verfolgung oder Hunger oder Blöße, aus Gefahr oder Schwert — sogar aus all dem kann Gott noch etwas Gutes machen. Weil er mitten hineingeht. Jesus hat ja all das selbst durchlebt. Er sitzt mit uns auf der Anklagebank. An unserer Seite. An unserer Stelle. Genau da ist er uns nah.

Mit diesem Zuspruch gehen wir jetzt, am Altjahrsabend, in das neue Jahr. Freigesprochen. Fangen wir neu an. Trauen wir Gott zu, dass seine Liebe uns hält. Und sichtbar wird in uns.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Donnerstag, 31. Dezember 2015 – Altjahrsabend – um 17.00 Uhr in der Peterskirche Murr.

… mit einem großen Dankeschön an meinen ehemaligen Ausbildungspfarrer Reinhard Mayr für seinen genialen Entwurf von 2009!

 

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