Expertensache?

27. Oktober 2009

»Bibel, wo bist du?« Eine Herbstkonferenz mit diesem Titel bietet natürlich auch allerlei praktische Zugänge zur Bibel. Meine Workshop-Wahl am Dienstag Nachmittag: »Bibliolog« (nicht Bibliodrama!). Kurz umrissen: Man gibt einer Gruppe die Möglichkeit, in einzelne Rollen eines Bibeltextes »hineinzuschlüpfen« und sich aus dieser konkreten Perspektive zum jeweiligen Geschehen zu äußern.

Nach der theoretischen Einführung wurde es praktisch. Zunächst war die Sache noch etwas ungewohnt. Die Praxis des »echoing« (der detaillierten Wiederholung jeder Wortmeldung durch die Leiterin) wirkte bis zum Schluss seltsam auf mich (auch wenn mir der Sinn einleuchtet). Und trotzdem: Ich spürte umgehend Sympathie für diesen alternativen, zunächst schlicht »ganzheitliche(re)n« Zugang. Und ging in Gedanken schon mal die Reli- und Konfi-Stunden der nächsten Wochen durch. Ob Moses Dornbusch-Begegnung dann noch eindrücklicher wird? Wie wäre es mit Bibliologen zu zentralen Jesus-Geschichten? Postwendend aber der Dämpfer: »Wenn Sie jetzt denken: "Toll! Das probiere ich gleich nächste Woche mit meiner Klasse oder meinen Konfirmanden [»Woher weiß sie das?!«]" – bloß nicht! Sie müssen erst mal vier, fünf Tage auf Schulung gehen, die Hintergründe intensiv durchdenken. Alles andere ist unverantwortlich.« (Als ob wir gerade über Basics der Totenbeschwörung gesprochen hätten! Und auf dem Hintergrund des vorherigen Bedauerns, in Württemberg sei der Bibliolog noch nicht so weit verbreitet…!)

Der Satz klingt immer noch nach in mir. Auch nach der Lektüre mehrerer kleiner (von der Referentin selbst zur Verfügung gestellter!) Aufsätze zum Thema. Die vermitteln durchweg das Bild einer zwar theoretisch-theologisch zu durchdringenden, aber eben zugleich praktikablen und niederschwelligen Methode, die man mutig einsetzen darf bzw. soll. Und passiert beim Predigen, bei Hausbesuchen, bei jeder Form der Kommunikation nicht dasselbe? Dass wir letztlich nie wissen, was wir eventuell auslösen könnten, eigentlich zu wenig Erfahrung haben – aber trotzdem aktiv werden, aktiv werden müssen? Dass wir auch sonst auf unsere Intuition vertrauen müssen und dürfen? Und eben dadurch auch an Erfahrung gewinnen?

Und was ist mit folgender These? Letztlich geht es um ein rein soziologisches Phänomen: Ein einigermaßen stabiles System hat die hermeneutische Methode des Bibliologs durchdacht und (weiter)entwickelt. Und fordert jetzt strenge Initiationsriten etwaiger weiterer Interessenten… Dazu würde die mehrfach getätigte und grundverdächtige Aussage passen, alle Varianten, die ein wesentliches Element des »Bibliologs« ausließen, seien eben kein »Bibliolog« mehr. Oder – so eine Meinung in unserer Runde – es geht letztlich um’s liebe Geld. »Offizielle« Bibliolog-Kurse sind nämlich gar nicht so billig…

 

4 Kommentare zu “Expertensache?”

  1. Martin meint:

    Das mit dem Bibliolog interessiert mich sehr. Was bedeutet es konkret in einzelne Rollen eines Bibeltextes »hineinzuschlüpfen«? Geht es da um die einzelnen Personen oder mehr?

  2. Daniel meint:

    Hmm….das ist vielleicht die entscheidende Frage. :-) Klar übernimmt man jeweils eine Rolle – aber die ist natürlich auch eine Art Schutz, der es einem erlaubt, persönliche Positionen zu offenbaren.

    Ich schicke dir mal per email die Aufsätze, die ich erwähnt habe.

  3. Tobias meint:

    Ich hab das sogar schon zwei Mal probiert, und zwar ganz ohne professionelle mehrtägige Vorbereitung. Zugegeben, ich hatte schon ein flaues Gefühl, weil ich natürlich nicht wusste, wie es wird. Aber ich vermute mal, dass auch die Profis die Situationen nicht immer im Griff haben. Ich vermute, es ist wichtig, Atmosphäre, Gefühle usw. lesen zu können, wenn man einen Bibliolog leitet. Beim zweiten Mal war es jedenfalls eine sehr gute Sache: Eine Gruppe von ca. 15-20 Erwachsenen, von denen viele sich eingebracht haben und auch hinterher gute Rückmeldungen gegeben haben. SDG!

  4. Daniel meint:

    Hatte jetzt endlich Gelegenheit, die Sache meinem Ausbildungspfarrer zu erzählen. Der meinte nur lapidar: »Ja – das ist die Sorte Mensch, die mit keinem Teenie redet, bevor sie fünf jugendsoziologische Studien gelesen hat…und sich dann entsprechend profiliert.« Sein Tipp: Warnungen offensiv ignorieren, Methode mutig ausprobieren! :-)

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