Ethik hier und dort

21. Oktober 2007

…jetzt doch nochmal ein paar Zeilen zum Symposium: Auf der langen Zugfahrt nach Hause (zum allerersten Mal in einem erstklassigen ICE-Waggon – das spontane Angebot des Schaffners, weil Wagen 6, in dem ich eigentlich reserviert hatte, heute nicht mitfuhr…) hatte ich Zeit, im neuen Predigtbuch der Greifswalder »GreifBar«-Gemeinde zu blättern: »Harte Fragen. Greifbare Antworten auf Glaubensfragen«.

Den älteren Herrn, der in Heinzpeter Hempelmanns Vortrag ein grundsätzliches Problem aufgeworfen sah, habe ich schon am Donnerstag erwähnt. Ein entscheidendes Problem der Kirche in der Postmoderne, der sich zu »unterwerfen« dieser (durchaus aufmerksame!) Kritiker nicht bereit war, formulierte er folgendermaßen: »Geht es hier noch um das Wort? Ich habe den Eindruck, dass nur noch ein Aspekt von Jesus wahrgenommen wird – die [hier denke man an den typischen Tonfall beim Aussprechen eines geradezu unanständigen Worts...] Ethik

In der Tat: Einer bewusst »postmodernen« Kirche wird es darum gehen, bisher vergessene Aspekte des Lebens Jesu wieder neu in den Blick zu nehmen. Meinem Eindruck nach handelt es sich dabei vor allem um Bereiche der sozialen Ethik: Gerechtigkeit, Diakonie, Bewahrung der Schöpfung, Frieden – alles Schlagworte, die ja auch die Träume und Wünsche der »Emerging church« bestimmen.

…in Fragen der individuellen Ethik scheint dagegen weitgehend ein neuer Laissez-faire-Stil zu herrschen. Hier wird wohl am ehesten deutlich, dass gerade die Emerging-church-Bewegung eine Gegenreaktion darstellt – auf allzu starke Vereinseitigungen innerhalb der nordamerikanischen evangelikalen Kirchen, wo es bis heute auffallend oft um Themen wie Sex vor der Ehe, Homosexualität oder Abtreibung (aber überraschend selten um Geiz, Habgier oder Ausbeutung) geht. Aber auch in Predigten neuer innovativer Gottesdienst-Projekte in Deutschland nehme ich diese Tendenz wahr: Man hat die Moralkeulen für den einzelnen Menschen satt – und übt sich in Zurückhaltung.

…und hier setzt der neue Greifswalder Predigten-Band ein echtes Ausrufezeichen: Michael Herbst und seinen Mitarbeitern gelingt es, den Zuhörern einfühlsam, sensibel, verständnisvoll zu begegnen…und das trotzdem auf Grundlage einer konservativen biblischen Ethik. Da heißt es z.B. ganz »klassisch«-evangelikal: »Zusammenziehen ohne Trauschein ist nichts Halbes und nichts Ganzes … Christen sollten ruhig wieder selbstbewusst dafür eintreten, dass Gottes gute Ordnungen aufrechterhalten werden«. Und ein »Recht« auf aktive Sterbehilfe wird klipp und klar abgelehnt: »Wir können sterben lassen und alles unterlassen, was einen Menschen im Sterben aufhält. Wir können aber nicht Hand an ein Menschenleben legen und töten. Das ist uns verwehrt.«

Ein Zeichen dafür, dass wir eben noch nicht ganz in der Postmoderne angekommen sind (und als »bizarre birds«, so John Finney, durch’s Leben gehen)?! Ich glaube nicht. In meinen Augen eher ein Warnsignal, die »alten« (und manchmal durchaus ausgelutschten) individualethischen Fragen nicht zu vergessen – und den Mut zu haben, hier unbequem zu bleiben, wenn es sich um Gebote Gottes handelt. Dass man dann trotzdem ansprechend predigen kann, zeigt…ja, ganz richtig interpretiert – ihr solltet euch das Buch einfach zulegen…

 

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