Ein echtes Erlebnis…

20. Dezember 2007

Nichts gegen das wissenschaftliche Niveau des Soziologen Gerhard Schulze…aber seinen Wälzer »Die Erlebnisgesellschaft« habe ich mir einzig und allein zum Zweck der Unterhaltung zugelegt: Schon die wenigen Exzerpte, die ich bislang hatte, erinnerten verdächtig an den Slapstick-Stil eines Adrian Plass. Einziger Wermutstropfen: So pauschal-lustig manche Passagen sind, so verletzend können sie auch wirken.

Zur Info: Schulze löst das traditionelle (und auch im 20. Jahrhundert noch weithin gängige) »Schichten«-Modell ab, indem er fünf »Milieus« definiert – zwei unter, drei jenseits der Altersgrenze 40 Jahre. Neben dem Lebensalter dient noch der jeweilige Grad der Bildung als Unterscheidungskriterium.

Klar, dass das Resultat nicht sonderlich differenziert ausfallen kann. Nach zahlreichen soziologischen Vorbemerkungen wird auf knapp 50 Seiten beschrieben, wer (angeblich) warum zu welcher Gruppe gehört…

Zum »Niveaumilieu«:

»Beginnen wir mit einer sozialen Gruppe, die wahrscheinlich vielen Lesern durch soziale Erfahrungen im Kollegenkreis und meist auch in der Verwandtschaft besonders vertraut ist: ältere Personen (jenseits der 40) mit höherer Bildung. Der Stiltypus dieses Milieus ist ganz auf das Hochkulturschema ausgerichtet. Man liest überregionale Tageszeitungen, Zeit und Spiegel, Belletristik … Auch die Fernsehpräferenzen haben einen hochkulturellen Einschlag. Man sieht bevorzugt Kulturmagazine, Dirigentenportraits, Dokumentationen, kunsthistorische Sendungen … Schwer vorstellbar: ein Gymnasialdirektor als Teilnehmer am Trachtenumzug (Trivialschema) oder in der Diskothek (Spannungsschema).
… In besonderer Dichte tritt das Milieu in der Hochkulturszene auf; um es zu besichtigen, muß man nur während der Konzertpause ins Foyer gehen … Die Vertreter des Milieus begegnen uns im Fernsehen als Elite von Politik und Wirtschaftsleben, im Lokal der Tageszeitung als Agenten und Publikum kommunalpolitischer und kultureller Ereignisse. Sie sind unter sich im Lions-Club, haben ihre sportlichen Aktivitäten immer mehr von den Tennis- in die Golf-Clubs verlagert, bevorzugen teure Restaurants mit gehobener Atmosphäre …
… Nicht umsonst ist in diesem Milieu der Sekretär häufiger als anderswo zu finden. Dieses Möbelstück, meist eine Antiquität, ist wertvoll, vergangenheitsgesättigt und geadelt durch seine Funktion für das Lesen und Schreiben … Verbannt sind "Geschmacklosigkeiten", Wegwerfmöbel und avantgardistische Elemente. In der Gesamtkomposition des Interieurs präsentieren sich altbekannte Varianten gehobener Bürgerlichkeit; man meint beim ersten Besuch, schon einmal dagewesen zu sein, das Ensemble von Vitrine mit kostbarem Porzellan, Ölgemälden, lederner Sitzgarnitur, Perserteppichen schon zu kennen. Es entsteht das Gefühl, leise sein zu müssen.«

Zum »Harmoniemilieu«:

»Der Kern des Harmoniemilieus besteht aus älteren Personen (typischerweise über 40) mit niedriger Schulbildung (überwiegend unterhalb der mittleren Reife) …
… Auch wenn sich die Angehörigen des Milieus durch die Öffentlichkeit bewegen, in der Fußgängerzone, in Kaufhäusern, Linienbussen, bleiben sie eher unauffällig. Als gelte es, sich zu tarnen, ist die Farbpalette der Kleidung überwiegend auf zurückhaltende Töne beschränkt – grau, beige, oliv, dunkelblau. Die antiexzentrische Distinktion des Trivialschemas wird übersetzt in den Stil der Mäntel von der Stange, der zeitlosen Filzhüte, der Bügelfaltenhosen und Strickjacken aus dem Sonderangebot …
Prototypen des Milieus sind die zur Miete wohnende Angestelltenwitwe, der ältere Arbeiter, das Rentnerehepaar, die Hausfrau im Billigmarkt mit ihrer Einkaufstasche auf Rädern, die Wurstverkäuferin, deren Alter irgendwo zwischen 40 und 60 liegen muß. Die Männer gehen gerne zum Fußball, die Frauen in die Konditorei. Man trifft das Milieu dort, wo das Billige und nicht allzu Modische zu haben ist, im Schuhdiscount, bei C&A, in der Großwohnanlage auf Mallorca … Auffälligstes Merkmal der Inneneinrichtung ist eine Tendenz zur Besetzung des Raums mit Objekten. Das Prinzip "viel ist schön" führt oft zu Überlagerungen ästhetischer Materialschichten. Über dem dicken gemusterten Teppichboden liegt ein anders gemusterter Zierteppich, darauf ein Spitzendeckchen, auf dem ein verschnörkeltes Glastischchen steht. Darauf silberne Untersetzer, dann eine Schicht Schnapsgläser, geschaft um eine Kristallvase. Die darin stehenden Papierblumen füllen den Luftraum über dem Tischchen in seiner unteren Schicht; darüber hängt eine an der Zimmerdecke befestigte Blumenampel …«

Zum »Integrationsmilieu«:

»Das Besondere an diesem Milieu [über 40 Jahre] ist seine Durchschnittlichkeit …
Kennzeichnend für das Integrationsmilieu ist die gediegene Mittellage. Das Eigenheim ist gepflegt, bleibt aber innerhalb der architektionischen Norm, die Kleidung maßvoll modisch, aber nicht außergewöhnlich, das Auto komfortabel und in bestem Zustand, aber unauffällig … Ein Angehöriger des Integrationsmilieus experimentiert nicht mit gewagten Inneneinrichtungen, hält sich eher einen Foxterrier als einen afghanischen Hirtenhund, tritt nicht aus der Kirche aus, ist ein guter Nachbar, trifft sich im Verein, hält seinen Garten in Ordnung und vermeidet öffentliches Aufsehen, ohne sich zu verstecken … Man kauft sich keinen Porsche, selbst wenn man ihn sich leisten könnte, nimmt aber lieber Schulden auf, als sich in einem heruntergekommenen Auto zu zeigen …«

Zum »Selbstverwirklichungsmilieu«:

»Typisch für das Selbstverwirklichungsmilieu [unter 40 Jahre] ist der Grenzverkehr zwischen verschiedenen alltagsästhetischen Zeichen- und Bedeutungskosmen, zwischen Mozart und Rockmusik, Kunstausstellung und Kino, Kontemplation und Action, antibarbarischer und antikonventioneller Distinktion, Lebensphilosophie der Perfektion und Lebensphilosophie des Narzißmus.
… Dank seiner Mobilität, seinem Drang nach außen und seiner Neigung zur Selbstdarstellung besetzt das Selbstverwirklichungsmilieu unsere Alltagserfahrung stärker als jedes andere Milieu. Es dominiert in den Studentenkneipen, den "Griechen" und "Italienern" der Großstädte, bevölkert die Bistros, Cafés, Bars, drängt in die Kinos, Jazzkonzerte, Kleinkunsttheater, beherrscht das Feld des Freizeitsports, flutet durch die Boutiquen, überzieht die Welt mit kollektiven Individualtourismus.
… Ein wichtiger Typ des Milieus ist die Sozialfigur des Studenten. Auch nach Beendigung des Studiums, schon im Berufsleben, bleiben viele noch über Jahre hinweg studentenähnlich. Milieutheoretisch ist Student-Sein eine Existenzform, für welche die Einbindung in Institutionen nur eine untergeordnete Rolle spielt …
… bringen die jüngeren Milieus bei ihrer Wirklichkeitskonstitution die Welt in Kurs auf ihr Ich. Sie denken: So bin ich – wie kann die Welt für mich passend gemacht werden?«

Zum »Unterhaltungsmilieu«:

Ähnlich dem Harmoniemilieu ist auch das Unterhaltungsmilieu [unter 40 Jahre] wenig in der Öffentlichkeit sichtbar, aber aus anderen Gründen. Nicht Tarnung und Rückzug sind die Ursache – im Gegenteil ist das Milieu mobil und keineswegs zurückhaltend –, sondern das Verschwinden in Angebotsfallen: Kino, Fußballplatz, Automatensalon, Videothek, Autorennen, Fitneßstudios, Diskotheken, Kneipenszene. Für andere auffällig wird das Milieu eher unterwegs. Sowohl der Fahrstil, den man unter Anspielung auf die unvermeidliche Verfolgungsjagd in amerikanischen Krimiserien als action-orientiert bezeichnen kann, ist Ausdruck des Spannungsschemas als auch die symbolischen Zitate der Rennfahrerkultur durch Veränderungen am Auto: getunte Motoren mit besonderem Sound, extra breite Reifen, tiefergelegte Karosserie, Schalensitze, verkürzter Schaltknüppel … Auch die überdimensionierte Auto-Stereoanlage, die beim Warten an der Ampel selbst bei geschlossenen Fenstern dumpf nach draußen dröhnt, ist typisch für das Milieu …
… Die Selektion von Erfahrungen ist auf Stimulation programmiert, auf möglichst stark spürbare psychische und physische Vereinnahmung. Uninteressant ist die komplizierte, mit kognitiver Arbeit verbundene Erfahrung, etwa in Form eines Leitartikels, einer Für und Wider abwägenden Analyse, einer längeren Rede, einer Fernsehdiskussion.«

…alles klar?! :-/

 

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