Das Weizenkorn sterben sehen …

15. März 2015

Endlich ist er da. Der große Tag. Alle sind gekommen zum großen Fest. Und die meisten sind ein bisschen aufgeregt: Was ist das für einer? Wie tickt der? Was tut der? Was sagt der? Manches hat man ja schon gehört, wie das eben so ist. Manche sind ihm schon begegnet, in den letzten Tagen und Wochen. Aber heute liegt etwas in der Luft. So lange haben sie gewartet … Jetzt ist die Zeit gekommen.

… ja, so war das. Damals. In Jerusalem. Als Jesus kam. (Wer auch sonst?) Alle sind gekommen zum großen Fest. Was ist das für einer? So lange haben sie gewartet … Und mitten in diesem Trubel, mitten in dieser gespannten Erwartung, da passiert nun etwas. Im Johannesevangelium erfahren wir das, in Kapitel 12:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben liebhat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. (Johannes 12,20-26)

»[W]ir wollten Jesus gerne sehen.« Mit diesem Wunsch geht alles los.

Warum die Leute Jesus sehen wollen, erfahren wir gar nicht.

Vielleicht sind sie restlos begeistert. Und jetzt wollen sie das i-Tüpfelchen, den Höhepunkt. »Dieses Fest hat schon so viel zu bieten — jetzt wollen wir auch noch Jesus sehen. Dann wäre wirklich alles perfekt!«

Vielleicht sind die Leute aber auch skeptisch, unsicher. Und sie wollen wissen, ob wirklich was dran ist an diesem Wanderprediger. »Wir wollen den Jesus mal sehen. Vorher glauben wir gar nichts. Und auch das Feiern können wir dann sein lassen.«

„[W]ir wollten Jesus gerne sehen.“ Ich kann sie so gut verstehen, die Leute. Jesus sehen — das ist so oft auch mein Wunsch.

Manchmal will ich Jesus sehen, weil ich so begeistert bin von ihm. Weil ich weiß, was ich mit ihm habe. »Ich will ihn sehen, diesen Jesus, dem ich mein Leben verdanke. Ich will mit ihm feiern!«

Aber manchmal packt mich auch die Unsicherheit. Und ich werde skeptisch. Möchte genau hinsehen. »Stimmt das, was ich da glaube? Und was ich anderen erzähle? Ich würde ihn gerne einmal sehen, diesen Jesus … Nur, um sicher zu sein …«

»[W]ir wollten Jesus gerne sehen.« Mit diesem Wunsch geht alles los. Und es sind »einige«, die diesen Wunsch äußern! Es ist nicht nur die fromme Schnapsidee von irgendeinem. Jesus sehen, der Wunsch ist verbreitet. Vielleicht ist es ja auch Ihr persönlicher Wunsch?!

»[W]ir wollten Jesus gerne sehen.“ Diesen Wunsch nimmt Philippus entgegen, einer von den Jüngern. Philippus, der sagt es dann Andreas, ein zweiter Jünger. Und die beiden zusammen schließlich sagen es Jesus. Jesus, der ist also richtig gut abgeschirmt auf diesem Fest. An den kommt man gar nicht ran. Dem wird nur über Boten berichtet, was gesagt wird. Und die Leute sehen ihn eben nicht.

Vermutlich kommt auch die Antwort, die Jesus dann gibt, nur indirekt an bei den Leuten. Wieder nur über Boten, über Philippus und Andreas. Die Leute sehen Jesus nicht.

… das ist doch genau unsere Lage. Auch wir begegnen Jesus ja nur indirekt — beim Beten, wenn wir singen, in biblischen Erzählungen, …

Wir sehen Jesus nicht. Genauso wenig wie die Leute auf dem Fest.

… stattdessen sehen wir was anderes. Wir alle gemeinsam sehen ein Bild, das Jesus uns vor Augen malt. Eine ganz markante Szene beschreibt er da: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, …«

Ein sterbendes Weizenkorn. Das sehen wir. Ein Weizenkorn fällt in den Boden. Es geht zu Grunde. Es bricht auf. Es stirbt.

… das ist der Weg, den Jesus geht. Er verlässt seine himmlische Herrlichkeit. Er lässt alle Machtansprüche sein. Er lässt sogar sein Leben. Ein sterbendes Weizenkorn.

… und das nennt Jesus allen Ernstes »Verherrlichung«! »Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde« … »Verherrlichung«? Das klingt eher nach Veralberung …

Wie meint Jesus das?

… er malt ja noch weiter an seinem Bild: Das Weizenkorn fällt in den Boden. Es geht zu Grunde. Es bricht auf. Es stirbt. Und es »bringt […] viel Frucht.«

Weil Jesus eben nicht in der Höhe thront, … verändert er die Welt. Weil er zu Boden geht, nach ganz unten geht, verändert er Menschen mit Gottes Liebe.

Seit Jesus seinen Weg der Niedrigkeit gegangen ist, seitdem ist Gott auch noch in der tiefsten Gottverlassenheit da. Seitdem ist kein Mensch mehr von Gott verlassen. Seitdem können Menschen heil werden, egal, wie viel kaputtgegangen ist.

… da blinkt schon etwas auf von Ostern — heute, am Sonntag »Laetare«. Den nennt man auch »Kleines Ostern«.

Während wir das alles noch verdauen, redet Jesus schon weiter. Und er macht klar: Das sterbende Weizenkorn, das ist nicht nur sein Weg. Sondern wer zu ihm gehört, geht genau denselben Weg mit. Vollzieht dieselbe Grundbewegung. Der Weg mit Jesus führt auch nach ganz unten, führt auch durch den Tod. »Wer mir dienen will, der folge mir nach«.

Also nochmal: Ein Weizenkorn fällt in den Boden. Es geht zu Grunde. Es bricht auf. Es stirbt.

… dieses Sterben kann man ja tatsächlich auch in der Kirche sehen, in unserer Zeit. Sogar hier in Murr. Auch die Evangelische Kirchengemeinde Murr an der Murr verliert Mitglieder, jedes Jahr. Trotz aller Neubaugebiete. Die »Viertelpfarrstelle« von einst gibt es nicht mehr. Das Alte Kirchhaus draußen ist abgerissen. Auf dem Papier werden wir kleiner. Und manches, was vor wenigen Jahrzehnten noch ganz normal war, funktioniert heute nicht mehr.

Was soll daran nun »herrlich« sein? Wo ist da das ganz Neue?

… vielleicht wartet das ganz Neue da, wo auch unsere falschen Selbstverständlichkeiten sterben. Wo wir Abschied nehmen von Dingen, an die wir uns als Kirche gewöhnt haben, … ohne zu fragen, ob sie unseren Glauben überhaupt tragen.

… da ist zum Beispiel die Angewiesenheit auf eine »christliche« Kultur. Die Vorstellung, wir hätten unsere Heimat in einer »christlichen« Gesellschaft. Oder im »christlichen Abendland« mit seinen »christlichen Werten«. Davon ist ja oft die Rede. Und das klingt ja erst mal überzeugend. Unsere vertrauten Traditionen, die sind viel wert. Und es tut weh, wenn sie bröckeln.

… aber christlicher Glaube lässt sich eben nie festlegen auf eine bestimmte Kultur. Unsere Form von Kirche in den letzten Jahrhunderten, das ist nur eine Art, zu glauben. Und oft kann man ja gar nicht genau sagen, was an unserer Geschichte »christlich« ist und was nicht. Wenn wir also denken, wir müssten unsere Traditionen konservieren für die Ewigkeit, dann sitzen wir einer falschen Selbstverständlichkeit auf. Bei Jesus klingt das so: »Wer sein Leben liebhat, der wird’s verlieren« …

Wenn Dinge aufbrechen in unserer Kirche, dann können wir wieder neu begreifen: Unsere Identität als Christinnen und Christen, die haben wir allein in Christus. Dem gehören wir. Und Jesus, der hatte ja selber keine Heimat. Der hat nichts krampfhaft festgehalten. Der hat voller Vertrauen losgelassen.

… dann etwas Zweites, was wir loslassen können als Kirche in unserer Zeit: Die Angewohnheit, unter uns zu bleiben.

Wir können uns so prima mit uns selbst beschäftigen. Unsere Kirchengemeinde verwalten, 24 Stunden lang — kein Problem als geschäftsführender Pfarrer. Und wir haben so viele Gremien und Gruppen, in denen wir uns wohlfühlen, dass wir problemlos unter uns bleiben können. Nur wir Christen. Am besten nur wir aus der Evangelischen Landeskirche. Also die, die regelmäßig in die Peterskirche kommen.

… aber: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt […], bleibt es allein.« Unter uns bleiben, das ist nicht unser Auftrag. Dafür sind wir nicht auf der Welt.

Wenn Dinge aufbrechen in unserer Kirche, dann können wir wieder neu begreifen: Unser Platz als Christinnen und Christen, der ist bei den Menschen. Und nicht nur bei den Menschen, die so ticken wie wir. So, wie Jesus ja auch bei den Menschen war. Er hat alle Grenzen überschritten. Seine Liebe geht die größten Umwege.

… und noch eine dritte falsche Selbstverständlichkeit, die wir loslassen können als Kirche in unserer Zeit: Der Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben.

Wir haben so viele Antworten in der Kirche. So viele korrekte Antworten. So viele Richtigkeiten.

… aber manchmal hab’ ich das Gefühl: Wenn die richtigen Lebens-Fragen kommen, dann sind all diese eingeübten Antworten nicht mehr viel wert. »Wie finde ich die Liebe meines Lebens?« — »Warum muss Oma jetzt schon sterben?« — »Was soll ich mit meinem Reichtum machen?« — »Wie soll das Blut Jesu mich reinwaschen?« — »Wieso hat Jesus den Sturm auf den Philippinen nicht gestillt?« — »Wäre Paulus auf dem Mittelmeer an Frontex vorbeigekommen?« — »Funktioniert Beten?« — »Wie kann ich glauben, ohne zu sehen?« [Einzelne Fragen von Hannes Leitlein – danke!]

… vielleicht müssen wir solche Fragen erst mal aushalten. Bevor uns Antworten geschenkt werden. Auch Jesus hat am Kreuz ’ne Frage gestellt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« [Matthäus 27,46b; Markus 15,34b] Und er hat keine Antwort bekommen …

Die Angewiesenheit auf eine christliche Kultur. Die Angewohnheit, unter uns zu bleiben. Der Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben. Mit den Dingen, die sterben in der Kirche in unserer Zeit, können wir auch Abschied nehmen von falschen Selbstverständlichkeiten. Und merken Sie, was da passiert? Wir gelangen zu einer ganz neuen Haltung. Zu einem ganz neuen Bild von Kirche. In der Nachfolge Jesu. Wir haben dann ganz wenig in der Hand. Aber wir sind voller Hoffnung.

Das Weizenkorn fällt in den Boden. Es geht zu Grunde. Es bricht auf. Es stirbt. Und es »bringt […] viel Frucht.«

Auf dem Papier werden wir kleiner. Ich kann und werde Ihnen nicht versprechen, dass sich das groß ändert in den kommenden Jahren. Wer bin ich? Aber uns ist »viel Frucht« verheißen. Und die hängt nicht an Kirchenmitgliedschaftszahlen. Sondern an Jesus Christus, der die Welt bis heute verändert. Der jeden Tag Menschen begegnet und heil macht. Und in Murr und drumherum, da macht Jesus das gemeinsam mit uns.

»[W]ir wollten Jesus gerne sehen.« Das ist immer noch mein Wunsch. Jesus sehen. Und ich glaube: Wir sehen ihn, wenn wir diesen Weg mit ihm gehen. Wenn wir das Weizenkorn sterben sehen, genau dann sehen wir Jesus. Und dann geht das Fest erst so richtig los. Darauf freu’ ich mich.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst zur Investitur am 15. März 2015 in der Peterskirche Murr.

 

7 Kommentare zu “Das Weizenkorn sterben sehen …”

  1. Tobias meint:

    Amen!

  2. Steffen meint:

    👍

  3. Sandra Gall meint:

    Es er eine sehr schöne und eindrückliche Predigt. Euch alle Liebe in Murr

  4. Mathilda meint:

    Amen!
    Ich wünsche euch ein gutes Einleben in die Gemeinde!
    Liebe Grüße!

  5. Alex meint:

    Sehr schön! Wie waren die Reaktionen aus der “neuen” Gemeinde?

  6. Daniel meint:

    Die Metapher wurde wahrgenommen …! :-)

  7. Bernhard Elser meint:

    Amen! Gesegnetes Arbeiten in Murr! Grüße ins Tal (-:

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