Brot-Tod

18. Oktober 2012

Nach der Empfehlung eines Kollegen hier vor Ort blättere ich gerade in einem von Dorothee Sölles ersten Büchern. Und: »Die Hinreise«, mit dem Untertitel »Zur religiösen Erfahrung« erstmals erschienen 1975, beginnt dramatisch.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er stirbt sogar am Brot allein, einen allgegenwärtigen, schrecklichen Tod, den Tod am Brot allein, den Tod der Verstümmelung, den Tod des Erstickens, den Tod aller Beziehungen. Den Tod, bei dem wir noch eine Weile weitervegetieren können, weil die Maschine noch läuft, den furchtbaren Tod der Beziehungslosigkeit: Wir atmen noch, konsumieren weiter, wir scheiden aus, wir erledigen, wir produzieren, wir reden noch vor unds hin und leben doch nicht.
[…]
Mein Nachbar, ein älterer kinderloser Herr, der seine Frau vor einigen Wochen verloren hatte, rief mich heraus, um mir zu zeigen, daß die Kinder ihre Fahrräder an sein frisch verputztes Haus gelehnt haben. »Sehen Sie den Kratzer«, sagte er, »sehen Sie nur, wo doch das Eigentum das einzige ist, was wir noch haben.« Der Mensch stirbt am Brot allein. Mein Nachbar hat gearbeitet für das Haus, er bewohnte es, er vermietete es, er renovierte es, er beschützte es, das Eigentum war »doch das einzige, was wir haben«, und ich sah und hörte, daß er tot war; der furchtbare Tod, kein Verhältnis zu haben und in keiner Beziehung mehr zu stehen.

 

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