Bringt nichts

24. Oktober 2015

Drei Fragen, die ich nicht habe

Du fragst, ob sich die Blumen denn lohnen.
Du musst doch morgen verreisen.
Und nur für einen Tag Blühen ist es doch wohl nicht wert.
Ob sich Blumen lohnen?
Ich versteh’ die Frage nicht.
Blumen wurden doch fürs Lohnen überhaupt nicht gemacht.

Du fragst, ob es Sinn macht, Gedichte zu schreiben.
Ob es Sinn macht, und mit welchem Ergebnis ich rechne, wenn andere sie lesen.
Ob es Sinn macht, zu dichten?
Ich versteh’ die Frage nicht.
Es gibt etwas, das ist richtig, ganz unabhängig vom Ergebnis.
Ob es Sinn macht? Sinn macht man nicht.
Gedichte macht man auch nicht.
Es klingt ja wie »Kaltmachen«.
Oder sagt man im Englischen sogar: »Liebe machen«? »Making love«.
»Making friends«. »Freunde machen«.
Feinde kann man sich machen. Aber Freunde sind ein Geschenk.
Und Gedichte sind eine Aufmerksamkeit.
Und Sinn wird nicht gemacht, sondern gestiftet.

Du fragst, was ich vom Glauben habe.
Und was mir das eigentlich bringt.
Was ich vom Glauben habe?
Diese Frage versteh’ ich überhaupt nicht.
Weil Glaube fürs Haben gar nicht gemacht wurde.
Sondern fürs Teilen.
Und fürs Weiterschenken.
Wie die Blume.
Und wie die Gedichte.

Was mir das bringt?
Ich bring’ es dir.
Und du lernst von der Blume, auch wenn du morgen verreist.
Und du wohnst im Sinn der Worte. Aber Sinn machen tut das nicht.
Und du hast keinen Glauben, aber der Glaube hat dich. Und das gibst du dann weiter.

… ein Gedicht von Christina Brudereck. Wiederentdeckt in einem ihrer Heidelberger Hochschul-Vorträge von 2005. Und inhaltlich aufgegriffen in meiner Predigt morgen. Thema: »Was bringt der Gottesdienst?«

 

Ein Kommentar zu “Bringt nichts”

  1. Mathilda meint:

    Danke fürs Teilen!

    PS. Ich melde mich noch.

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