Böse

11. Juli 2011

Der Schlag traf ihn hoch am rechten Wangenknochen. Und genau das hatte er beabsichtigt, als er sein Gesicht um einige Zentimeter schräg nach oben gedreht hatte, während sein Vater zuschlug. Am Esstisch zielte der Vater meistens auf die Nase und versuchte, aus dem Handgelenk mit der Rückseite der Fingerspitzen zu treffen. Auf der Wange tat so ein Schlag nicht weh. Es war nur ein stummes, weißes Gefühl, ihn zu bekommen. Lieber auf den Wangenknochen.
Der Vater war stolz auf den Schlag, er bildete sich etwas darauf ein, schnell und überraschend zulangen zu können. Doch Erik, der seine Schläge und Finten kannte wie das Einmaleins, hatte das verräterische Zucken unter dem rechten Auge bemerkt, das jeden Schlag ankündigte. Beim Essen war in der Regel nur mit lange und ausführlich angekündigten, nach weitem Ausholen mit der rechten Hand verabreichten Ohrfeigen zu rechnen. Oder eben mit dem versteckten Hieb aus dem Handgelenk, der aus der anderen Richtung kam und auf die Nase zielte. Letzterer sollte eher demütigen als verletzen.

»Evil. Das Böse«. Der Roman des Schweden Jan Guillou heißt nicht nur so, – er ist es auch. Und erinnert dabei vielfach an Janne Tellers »Nichts«: Die Schilderung konkreter Gewalt fällt höchstens überdurchschnittlich aus. Viel brutaler wirken die biographischen Zwickmühlen, in welche die Hauptperson Erik hineinmanövriert wird – und in welchen jede Entscheidung zu einem Ausbruch neuer Gewalt führen muss. Selbst das (zumindest gefühlte) Happy End der Handlung behält diesen schalen Beigeschmack: Am Schluss zahlt Erik seinem Vater heim, was der ihm seine Kindheit über angetan hat. Dies allerdings mit einem guten Vorsatz:

[...] wie ist es möglich, dass ich ganz ruhig bin, obwohl ich mein ganzes Leben lang auf diesen Augenblick gewartet habe? [...] Ich bin trotzdem ganz ruhig. Und jetzt muss es doch wohl das letzte Mal sein? Und dann nie mehr. Danach ist es vorbei, nie mehr.
Dann machte er den ersten langsamen Schritt auf den versteinerten Mann zu.

 

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