Biblische Schurken

17. September 2008

Der Gedanke kam mir erst während der internen Vorstellungsrunde unserer Sommerakademie-Arbeitsgruppe: Das prägnante Thema »Schurken« lässt sich nicht zuletzt aus theologischer Perspektive hervorragend beleuchten. Jeder, der die Bibel aufmerksam liest, wird rasch eine gewisse Affinität zum spätabendlichen Fernsehprogramm feststellen: Verleumdung, Mord und Ehebruch – alles da… Und wer denkt, schurkisch seien nur diejenigen, die sich gegen Gott wenden, während die gläubigen Protagonisten durchweg als moralische Vorbilder wegkämen, wird diese Sicht rasch korrigieren müssen…

Erst war es eine fixe Idee. Am Schluss stand ein öffentliches Referat über »Biblische Schurken« Mit über 80 Zuhörern hätte ich nie gerechnet – und dann wurde ich prompt gebeten, die Sache nochmal anzubieten. Hatte selten so viele gute, persönliche Gespräche. Besonders eindrücklich: Die kritischen Erwiderungen bewegten sich durchgehend weit über Stammtisch-Niveau. Wo man im Normalfall erst stundenlang darlegen muss, dass die »verlogene Kirche« (Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung etc.) zweifellos eine Schande, aber eben kein Argument gegen die Sache des Christentums an sich ist, ging es diesmal immer gleich ans Eigentliche. Dabei wurde immer wieder deutlich: Auch wenn man unterschiedliche Prämissen zu Grunde legt, kann man sich transparent verständigen – und Denkwege kommunikabel machen. Darauf sollten Christen nicht verzichten, wenn sie keine mystisch-isoliert-elitäre Gruppe darstellen wollen.

Hier ein paar Grundgedanken aus dem Vortrag – gespickt mit zentralen Folien (die sich durch Mausklick vergrößert darstellen lassen). Wer die gesamte Präsentation haben möchte, darf sich gerne bei mir melden!


Die ersten beiden Kapitel der Genesis berichten über Gottes Schöpfung. Die entsprechenden Texte sind vielfach künstlerisch aufgegriffen worden.


…dabei wird uns ein »Paradies« präsentiert, in dem das Schurkische definitiv keinen Platz hat. Wer weiterliest, wird aber schon in Genesis 4 auf Mord und Totschlag stoßen – Kain lockt seinen Bruder Abel auf ein Feld und bringt ihn hinterrücks um. Auch der Rest der biblischen Urgeschichte erinnert eher an einen Schundroman als an eine »Heilige Schrift«…


Im Hintergrund steht die Erzählung vom »Sündenfall« in Genesis 3. Die Verbotsübertretung der ersten Menschen führt zu einer umfassenden Beziehungsstörung. Gestört ist die Beziehung des Menschen zu Gott – Adam und Eva verstecken sich vor ihrem Schöpfer –, die Beziehung des Menschen zu sich selbst, die Beziehung der Menschen untereinander – »Ich war’s nicht, sondern …« – sowie die Beziehung des Menschen zur Schöpfung – Schwangerschaft und Arbeit bereiten jetzt Mühe und Schmerzen. Genau das ist im biblischen Kontext mit »Sünde« gemeint. Es geht also um eine Zustandsbeschreibung, nicht um die Benennung einzelner Vergehen.


…die logische Folge: Schurkische Gestalten überall. Einer von ihnen ist der israelitische König Ahab. Politisch eigentlich recht erfolgreich, zieht er alle Register, um Nabot einen Weinberg streitig zu machen (aus dem er einen Gemüsegarten machen will). Mittel Nummer 1: Verleumdung durch Manipulation wörtlicher Rede. Nabot begründet seine Entscheidung, das Grundstück nicht herauszurücken, mit dem Attribut »meiner Väter Erbe«: Nach israelitischem Verständnis gehört das Land grundsätzlich Gott. Es ist dem Menschen nur leihweise überlassen. Wenn Ahab seiner (phönizischen!) Frau Isebel gegenüber Bericht erstattet, fehlt diese wichtige Information plötzlich. Dadurch steht Nabot sogleich in schlechtem Licht da. Der Rest ist Formsache. Mittel Nr. 2: Nabot wird noch einmal verleumdet – nun mit Hilfe falscher Zeugen. Nach der Hinrichtung sichert sich Ahab den Weinberg. Fieser geht’s kaum…


…könnte man zumindest meinen. Bemerkenswert ist nun aber, dass es keineswegs nur die gottfernen Frevler sind, die durch ihr schurkisches Verhalten auffallen. Sollte es ein klares Kriterium für die Unterscheidung zwischen gut und schurkisch handelnden Personen überhaupt geben, so ist es gerade nicht die (Nicht-)Zugehörigkeit zu Gott!

Prominentes Beispiel: König David – eigentlich ein Mann nach dem Herzen Gottes. Der Text 2. Samuel 11 präsentiert schon in der Einleitung ebenso implizite wie unmissverständliche Signale: Alle Könige ziehen in den Krieg – nur David nicht. Und selbiger steht am Abend auf (hat also offenbar am Tag geschlafen…). Als er dann auch noch Batseba zu Gesicht bekommt, ist das weitere Geschehen vorprogrammiert. David heckt noch einen listigen Plan aus, um den Ehebruch zu vertuschen – aber er hat die Rechnung ohne den integren Uria gemacht, der aus Rücksicht auf seine Kriegskameraden sogar auf eine Nacht mit seiner Frau verzichtet…und dieses Verhalten mit dem von oben befohlenen Tod bezahlen muss.


Wie wird diese Spannung theologisch ausgehalten?! Wie kann man die Beziehung zwischen Gott und dem Schurkischen beschreiben?! Drei Perspektiven, die sich unter dem Stichwort der »Selbstinvolvierung Gottes« zusammenfassen lassen.

Ein erster Aspekt: Die äußerst direkt-ehrlichen Weisheitsbücher zögern nicht, auch Gott selbst schurkische Züge zu verleihen. Ein extremes Beispiel ist Hiob 9,24 – hier stellt Hiob Gott als Gottlosen (!) dar. Die Grenze zur Gotteslästerung ist damit erreicht (wenn auch nicht überschritten). Dahinter steht die Vorstellung eines konsequenten Mon(othe)ismus: Auch das Schurkische wird letztlich (in irgendeiner Form) in Gott verankert. Es geht nicht um zwei gleichwertige Instanzen »Gut« und »Böse«, zwischen denen man sich etwa frei entscheiden könnte. Alles hat in Gott seine Wurzel – wenn auch die genaue Herkunft des Schurkischen im Dunklen bleibt.


Für Überraschungen sorgt auch der Stammbaum Jesu, wie er uns in Matthäus 1 vorgestellt wird: Nicht nur David und Batseba, die schon erwähnte Frau des Uria, tauchen hier auf. Auch Rahab (von Beruf Prostituierte), Salomo (ein König, der auf die schiefe Bahn gerät), Abija, Joram, Manasse usw. (weitere Königs-Exemplare vom Typ Ahab) scheinen nicht so recht in die Biographie eines Menschen zu passen, der sich als Gottes Sohn bezeichnet und damit u.a. Sündlosigkeit für sich in Anspruch nimmt. Wie passt das zusammen?!


Tatsächlich kommt es hier zur Integration der biblischen Schurken in die göttliche Heilsgeschichte. Das Schurkische wird auf diese Weise nicht gut geheißen – aber es wird vergeben und überwunden. Zentral ist dabei die strikte Unterscheidung zwischen Person und Tat. Während das göttliche Urteil über das Verhältnis der Schurken eindeutig ausfällt, wird den betroffenen Menschen selbst Barmherzigkeit zuteil – eine Haltung, die nicht zuletzt im Leben und Handeln Jesu deutlich wird.

Zugleich steht ein zentraler Aspekt der Inkarnation im Zentrum: Im Gegensatz zu den Strömungen Platonismus und Gnostizismus wird das Irdische, die Materialität ernst genommen und gewürdigt. Gott ist sich nicht zu schade, in die Geschichte einzugehen. Gott wird Mensch – an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. So erklärt sich auch das Geheimnis der Jungfrauengeburt – und das Phänomen, dass der Sohn Gottes in einem stinkenden Stall zur Welt kommt, verehrt von asozialen Hirten – und später, in der Pubertät, Pickel kriegt…


Zuletzt trifft die schurkische Gewalt auch Gott selbst. Verrat, Scheinprozess, Hinrichtung – so lässt sich die in den Evangelien aus unterschiedlichen Perspektiven geschilderte Passionsgeschichte zusammenfassen. Dass Mel Gibsons Film »Die Passion Christi« von 2003 so stark in die mediale (auch kirchlich-mediale…) Kritik geraten ist, dürfte u.a. damit zusammenhängen, dass eben diese Gewaltwendung gegenüber dem einen Gott selbst hier schonungslos visualisiert wird. Judas Iskariot erscheint dabei als ambivalentester Schurke der Bibel, der seinen engsten Freund hinterlistig verrät – aber gerade dadurch erst den Erlösungsprozess in Gang setzt.


Mit Tod und Auferstehung Jesu ist das Problem des Schurkischen noch nicht beseitigt. Es bleibt der Offenbarung vorbehalten, die Zukunftsvision einer Welt zu schildern, in der Tränen, Tod, Leid, Geschrei und Schmerz keinen Platz mehr haben.


 

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