Beschenkt

6. Dezember 2015

Weihnachtsmann: Ho-ho-hooo! Wer bist denn du?

Nikolaus: Grüß’ Gott. Ich bin Nikolaus.

Weihnachtsmann: Nikolaus? Du meinst: Der Nikolaus.

Nikolaus: Eigentlich nicht. Nikolaus, das ist mein ganz normaler Name. So, wie heute noch manche Menschen Nikolaus heißen.

Weihnachtsmann: Du hast einen ganz normalen Namen? Das heißt: Es gibt dich wirklich?

Nikolaus: So ist es. Im vierten Jahrhundert nach Christus habe ich gelebt. In Myra. Das liegt am Mittelmeer, in der heutigen Türkei. Antalya ist gar nicht so weit weg. Das kennen manche vom Urlaub.

Weihnachtsmann: Hochinteressant! Was macht man denn so im wirklichen Leben?

Nikolaus: Ich zumindest war Bischof. Deshalb habe ich bis heute eine Bischofsmütze auf, mit Kreuz drauf. Und meistens eine Bibel in der Hand.

Weihnachtsmann: Tatsächlich. Das sieht echt aus. Ganz anders als mein Outfit. Ich sag’ nur: Rote Mütze mit weißem Bommel … Weißt du — ich, der Weihnachtsmann, bin frei erfunden. Vor noch nicht mal 200 Jahren hat man mich Stück für Stück erdacht …

Nikolaus: Wusste ich’s doch! Du siehst deutlich jünger aus als ich.

Weihnachtsmann: Oh, danke, danke.

Nikolaus: Aber auch deutlich gestresster, wenn ich ehrlich sein darf.

Weihnachtsmann: Wie soll es auch anders sein, kurz vor Weihnachten? Ich bin ja für die Geschenke gemacht. Die müssen an den Mann kommen und an die Frau, so einfach ist das. Wusstest du schon, dass ich erst durch die Werbung so richtig berühmt geworden bin? Braune Zuckerbrause sollten die Menschen mit mir kaufen …

Nikolaus: Kaufen? Sagtest du nicht eben, du machst Geschenke?

Weihnachtsmann: Nein, ich bin für die Geschenke gemacht. Und wer hat schon wirklich was zu verschenken? Letztlich geht’s natürlich ums Geld. Das weißt du doch!

Nikolaus: Ja, das weiß ich. Weißt du, ich hatte selber viel Geld. Schon als junger Mann habe ich ein Vermögen geerbt von meinen reichen Eltern. Aber ich habe es verschenkt.

Weihnachtsmann: Verschenkt? Dann kommt die Idee mit den Geschenken also von dir?

Nikolaus: Na ja, nicht nur von mir …

Weihnachtsmann: Wer war denn dein Auftraggeber?

Nikolaus: Auftraggeber würde ich ihn nicht nennen. Das klingt so … geschäftsmäßig. Ich nenne ihn Menschenfreund. Oder Heiland. Oder eben Jesus Christus. Den habe ich gefunden in meinem Leben. Oder besser: Er hat mich gefunden. Und das hat mich freigiebig gemacht.

Weihnachtsmann: Jetzt musst du mehr erzählen.

Nikolaus: Na, da war diese bettelarme Familie. Ein Vater mit drei Töchtern. Er wollte sie auf die Straße schicken. Oder gar als Sklavinnen verkaufen, auf dem Strich. Weil das Geld nicht reichte. In drei Nächten habe ich ihnen drei Säckchen mit Gold durchs Fenster geworfen. Die drei Schwestern konnten heiraten und ein gutes Leben führen.

Weihnachtsmann: Auch das Geschenk-Säckchen hattest du also schon vor mir …

Nikolaus: Manchmal heißt es aber auch, ich hätte der Familie mit drei goldenen Äpfeln geholfen. Diese drei Äpfel finden sich schon auf ganz alten Darstellungen von mir. Und bis heute lege ich sie Kindern in die Stiefel.

Weihnachtsmann: Du meinst, die Eltern der Kinder machen das.

Nikolaus: Vielleicht machen wir es beide gemeinsam. Denn bis heute geht es ja darum, Freude zu machen. Und etwas von der Freundlichkeit Gottes zu zeigen.

Weihnachtsmann: Aber sind Äpfel da nicht ein bisschen billig?

Nikolaus: Nur wenn man Geschäfte machen will mit dem Schenken … Aber ich habe auch größere Sachen zu bieten. Damals, während der großen Hungersnot in Myra, legte im Hafen ein Schiff an. Es war voll mit Getreide. Aber es gehörte dem Kaiser in Konstantinopel. Und war peinlich genau abgewogen. Die Seeleute konnten keinen einzigen Sack rausrücken. Sie fürchteten um ihr Leben.

Weihnachtsmann: Alles genau abgezählt und eingeteilt. Das kenne ich aus meinem Job …

Nikolaus: Aber ich konnte den Kapitän umstimmen. Mitten in seiner misslichen Lage lernte er das Schenken. Zwei Jahre lang reichten die Vorräte für uns in Myra. Und als das Schiff ankam beim Kaiser, fehlte nichts. Wie bei der Brotvermehrung damals, wenn du die kennst … Vielleicht bin ich seitdem der Schutzpatron der Seefahrer.

Weihnachtsmann: Schutzpatron der Seefahrer? Das bist du auch noch?

Nikolaus: Nebenbei, ja. Wobei da auch die Geschichte von der Rettung aus Seenot eine Rolle spielt. Da war ein Schiff, das ging fast unter im Sturm. Doch plötzlich half den Matrosen ein geheimnisvoller Mann. Mit seiner Hilfe kamen sie in den Hafen von Myra. In der Kirche dort wollten sie Gott für seine Rettung danken. Und als sie mich sahen, vorne am Altar, da erkannten den Mann vom Schiff …

Weihnachtsmann: Also, das klingt nun wirklich etwas wunderbar. Findest du nicht?

Nikolaus: Wunderbar, ja, das ist ein gutes Wort. Wunderbar. Nicht wunderlich. So wie deine Rentiere.

Weihnachtsmann: Ach, hör’ mir mit denen auf! Ich kann sie schon selbst nicht mehr sehen! Andauernd fliegen wir gemeinsam durch die Lüfte, und durch jeden einzelnen Kamin. Wer sich so was ausdenkt … Und dann übersommern wir am Nordpol. Aber sag’ mal — ist an dir wirklich gar nichts erfunden?

Nikolaus: Doch, da gibt’s was. Leider. Siehst du meinen Bischofsstab?

Weihnachtsmann: Ja. Aber der ist doch echt.

Nikolaus: Stimmt. Aber manchmal hat man aus dem eine Rute gemacht. Eine harte Rute, mit der man schlagen kann.

Weihnachtsmann: Wer macht denn so was?

Nikolaus: Ich jedenfalls nicht! Mir war es immer wichtig, Gottes Liebe allen Menschen zu zeigen. Auch für jugendliche Straftäter habe ich mich eingesetzt. Aber irgendwann kamen Leute auf die Idee, ich dürfe nur die „braven“ und „artigen“ Kinder beschenken. Die mussten dann alberne Gedichtlein für mich aufsagen, mit zittriger Stimme. Aus Angst vor meiner Rute.

Weihnachtsmann: Da hat man also auch dich vor einen Karren gespannt …

Nikolaus: So ist es. Ausgerechnet mich! Dabei war ich ja selbst nicht „brav“ und „artig“ …

Weihnachtsmann: Was meinst du?

Nikolaus: Na, da war diese eine Synode. 325 in Nicäa. Als Kirchenparlament berieten wir über den Glauben. Und da stand doch dieser Arius auf — und behauptete, Jesus habe mit Gott gar nicht so viel zu tun … Eigentlich sei er ein normaler Mensch. Ich hab’ ich ihm eine runtergehauen.

Weihnachtsmann: In der Tat etwas … rüde.

Nikolaus: Mag sein. Für die Ohrfeige hab’ ich auch bezahlt. Eine Zeitlang durfte ich nicht mehr Bischof sein. Aber mein Widerstand war trotzdem richtig. Und bis heute glaube ich: Die Kirche braucht keine „braven“ und „artigen“ Menschen. Keine angepassten Christen, die zu allem „Ja“ sagen. Sie braucht Leute mit Mut und Rückgrat. Gerade dann, wenn es eng wird.

Weihnachtsmann: »[W]enn es eng wird« … Jetzt mach’ doch die schöne Weihnachtsstimmung nicht kaputt.

Nikolaus: Also, noch haben wir Advent. Und nicht alles ist gut. Wer das wirkliche Leben kennt, weiß das. »O Heiland, reiß die Himmel auf — Gott, hilf uns!« Zu allen Zeiten haben Menschen das gesungen. Ich selbst habe unter der großen Christenverfolgung gelitten. Eine Zeitlang war ich sogar im Kerker. Wurde gefoltert. Da war ich dankbar, dass Gottes Liebe auch durch die Dunkelheit geht. Sogar da kann man Gott spüren. Weißt du — das wünsche ich auch unseren beiden Täuflingen heute. Dass sie Gott erleben, in guten und in schlechten Zeiten. Übrigens: Auch bei der Taufe wird ja nicht vorher geprüft, ob jemand es wirklich verdient hat … „Unschuldig“ sind ja auch kleine Kinder nicht — das wissen die Eltern nur zu gut … Aber Gottes Liebe kann man sich sowieso nie verdienen. Auch als großer Mensch nicht.

Weihnachtsmann: Dann passt das ja wirklich gut zusammen — Taufe und der 6. Dezember heute … Ich wünsche euch allen frohes Feiern. Ich hab’ jetzt leider keine Zeit mehr. Muss weiter. Meinen Job erledigen. Aber eine Frage noch: Der 6. Dezember, ist das dein Geburtstag?

Nikolaus: Nein, mein Todestag.

Weihnachtsmann: Oh. Tut mir leid.

Nikolaus: Braucht es nicht. Mach’ dir keine Sorgen um mich. Überhaupt würde dir etwas Gelassenheit gut tun, glaube ich. Ich bin gut aufgehoben. So wie alle, die beschenkt werden von Gott.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Sonntag, 6. Dezember 2015 – Zweiter Sonntag im Advent und Nikolaustag – in der Peterskirche Murr.

 

2 Kommentare zu “Beschenkt”

  1. Christof S meint:

    Schöne Predigt. Die halte ich auch mal.

  2. Steffen meint:

    Super! Klärt über den Aberglauben auf, der heute so hartnäckig über Weihnachten verbreitet wird 😊

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