Bellende Hunde wecken

5. Oktober 2009

Noch ein lohnender Auszug aus »Spiritualität von unten« von Meinrad Dufner und Anselm Grün:

Ein schönes Beispiel für die Spiritualität von unten ist das Märchen von den drei Sprachen. »Darin wird der Held, ein Dummling, vom Vater in die weite Welt hinausgeschickt, etwas Rechtes zu lernen. Dreimal nacheinander kommt er wieder nach Hause und gibt auf die Frage des Vaters, was er denn nun gelernt habe, das erste Mal zur Antwort: "Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen", das zweite Mal: "Was die Vögli sprechen", das dritte mal [sic!]: "Was die Frösche quacken", worauf ihn der Vater [...] in höchstem Zorn verstößt." [...] Er geht auf Wanderschaft und kommt in eine Burg, in der er übernachten möchte. Der Burgherr kann ihm aber nur den Turm zur Verfügung stellen, in dem wilde bellende Hunde hausen, die schon manchen verschlungen haben. Er hat aber keine Angst, nimmt etwas zum Essen mit und wagt sich in den Turm hinein. Er spricht wohlwollend mit den bellenden Hunden. Und sie verraten ihm, daß sie nur deshalb so wild sind, weil sie einen Schatz hüten. Und sie zeigen ihm den Weg zum Schatz und helfen ihm dabei, ihn auszugraben. Der Weg zu meinem Schatz geht also über den Dialog mit den bellenden Hunden, mit meinem Leidenschaften, mit meinen Problemen, mit meinen Ängsten, mit meinen Wunden, mit all dem, was in mir bellt und meine Energie verschlingt. Eine Spiritualität von oben würde die Hunde in den Turm einsperren und daneben ein Gebäude von Idealen errichten. Doch dabei müßte man ständig Angst haben, daß die Hunde nicht doch noch ausbrechen und einen verschlingen könnten. Dann ist die Angst vor den lauernden Begierden und ständigen Versuchungen kennzeichnend für den Frommen. Vor allem aber sperrt man sich dann selbst vom Leben aus. Alles, was wir unterdrücken oder verdrängen, fehlt uns an unserer Lebendigkeit. Die bellenden Hunde sind voller Kraft. Wenn wir sie einsperren, fehlt uns die Kraft, die wir für unseren Weg zu Gott und zu uns selbst brauchen. [...] Wenn wir vor lauter Idealismus unsere bellenden Hunde einsperren, leben wir in ständiger Spannung vor ihrem Ausbruch. Wir müssen vor uns davonlaufen, wir haben Angst, in uns hineinzuschauen. Da könnten wir ja diesen gefährlichen Hunden begegnen. Je mehr wir die Hunde einsperren, desto gefährlicher werden sie uns. Es geht also darum, sich in den Turm hineinzuwagen, hineinzusteigen und gut und freundlich mit den bellenden Hunden zu reden. Dann werden sie mir verraten, welchen Schatz sie hüten.

 

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