Befreiender Dreisatz

28. Oktober 2011

»Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« Hat Martin Luther gefragt, wieder und wieder. Seine biographisch errungene Antwort hat er in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner lateinischen Schriften dramatisch in Worte gefasst:

… Bis ich, dank Gottes Erbarmen, unablässig Tag und Nacht darüber nachdenkend, auf den Zusammenhang der Worte [in Römer 1,17] aufmerksam wurde, nämlich: »Gottes Gerechtigkeit wird […] [im Evangelium] offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben.« Da begann ich, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen als die, durch die als durch Gottes Geschenk der Gerechte lebt, nämlich aus Glauben, und dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium werde Gottes Gerechtigkeit offenbart, nämlich die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben ist: »Der Gerechte lebt aus Glauben.« Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten.

… in heutigem Deutsch zusammengefasst: Gott ist gnädig. Er fordert nicht Gerechtigkeit, sondern schenkt Gerechtigkeit. Der Glaube an Jesus Christus macht jeden Menschen gerecht. Diese Erkenntnis hat Luthers Leben nachhaltig verändert – und die gesamte christliche Kirche.

Luthers Antwort bleibt sicherlich bis heute richtig. Gleichzeitig gilt aber: Sie deckt – zumindest in ihrer westlich-klassisch-protestantischen Interpretation – nur einen kleinen Teil der biblischen Inhalte ab. Und, noch offensichtlicher: Die zugehörige Frage hat im westlichen Kontext ihre Bedeutung verloren. Die wenigsten Menschen bei uns plagt heute Angst vor der Hölle. In Sachen Religion wird eher gefragt (»modern«): »Gibt es Gott?« oder (»postmodern«): »Funktioniert die Sache mit Gott?« Dann aber ist Luthers Hinweis auf Gottes Gerechtigkeit keine »Gute Nachricht« mehr, … sondern – zugespitzt – gar keine Nachricht.

Davon ausgehend versucht Walter Faerber, das Evangelium als Gottes »Gute Nachricht« anders zu formulieren als gewohnt. Sein »einfaches Evangelium in drei Sätzen« erscheint mir biblisch und systematisch-theologisch angemessen, ökumenisch anschlussfähig und immer noch christologisch. Vor allem aber begeistert mich Faerbers Antwort persönlich:

Gott erneuert die Welt.

Er hat schon damit angefangen.

Du kannst dabei sein.

… ein lohnender Impuls für den nahenden Reformationstag?!

 

2 Kommentare zu “Befreiender Dreisatz”

  1. Frau Auge meint:

    Bravo! Sehr bedenkenswert. Danke. Wir brauchen eine weniger juridisch verstandene Soteriologie. Das hier ist ein wichtiger Impuls dazu imho.

  2. Daniel meint:

    … und deswegen nicht nur auf Defizite abzielt, zum Feiern einlädt, …

Deine Meinung?!