Autonome Moral? VI

4. Mai 2007

…die Zeilen Alfons Auers waren natürlich ein mehr oder weniger offen geführter Angriff auf die Position des päpstlichen Lehramts. Dass dies auch in Rom registriert wurde, zeigt eindrücklich eine (allerdings erst 1993 veröffentlichte) Enzyklika von Papst Johannes Paul II.: »Veritatis splendor«.

Dieses päpstliche Rundschreiben erklärt ganz offen, dass es auf eine »ernste Krise« der christlichen Kirche, konkret: bedenkliche Tendenzen in der wissenschaftlichen Moraltheologie reagiere. Namen werden nicht genannt – der Inhalt ist aber eindeutig. Das belegt bereits das häufig – und ausschließlich negativ – verwendete Stichwort der »autonomia«.

Auer selbst bezeichnete die indirekt vorgebrachten päpstlichen Vorwürfe als überspitzt, indem er sich z.B. von »[e]ine[r] “Gesetzgebungsautonomie” der menschlichen Vernunft in dem von der Enzyklika gemeinten Sinn« distanzierte.

Was durch die genannte Auseinandersetzung deutlich wird: »Autonome Moral und christlicher Glaube« rannte offene Türen ein. Es wurde »in der von Humanae vitae ausgelösten Diskussions- und Neubesinnungsphase das wohl am häufigsten zitierte Moralwerk«. Das zeigen auch verschiedene später veröffentlichte Aufsätze, in denen Auer konkret auf die Rezeption seines Ansatzes einging.

Wie lässt sich die Wirkungsgeschichte grob umreißen?!

  • Auers Vorstellung, bereits in der Wirklichkeit liege ein von Gott »eingeschaffener« Sinnzusammenhang, wurde von katholischer Seite nirgends widersprochen. Erwartungsgemäß. Die allgemeine Vorstellung eines (wie auch immer gearteten) »natürlichen Gesetzes« kann man durchaus als »typisch katholisch« bezeichnen.
  • Auer bestätigte diejenigen, die die Zuständigkeit des Lehramts in Fragen der Moral grundsätzlich anzweifelten. Hier wurden mit der Zeit weitere Argumente entwickelt.
  • Das Verhältnis zwischen kirchlichem Lehramt und den Vertretern wissenschaftlicher Theologie wurde völlig neu bedacht.
  • Auers Vorstellung einer theonomen »autonomen Moral« – also einer Vernunft, die nicht völlig frei Normen setzt, sondern an die »Rationalität der Wirklichkeit« gebunden bleibt, fand Anhänger. Schüler Dietmar Mieth z.B. sprach von einer »Autonomen Moral im christlichen Kontext«.
    Kritik kam aus zwei Richtungen: Den einen war Auers Idee noch nicht radikal genug. Julius Gross, Rezensent in der »Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte«, beklagte: »Die[] Autonomie schränkt er [Auer] jedoch ein mit der Behauptung, der Mensch erfasse und formuliere lediglich die vom Schöpfergott der Welt einerschaffene Rationalität. … Eine solche Einschränkung der Autonomie des Weltethos dürfte heute … für … viele unglaubwürdig geworden sein«. Dieser Standpunkt entspricht dem des radikalen Humanismus z.B. eines Erich Fromm.
    Andere befürchteten dagegen eine unangemessene Verselbstständigung der menschlichen Vernunft – und machten sich – gegen Auer – für eine »Glaubensethik« stark, die ihre Vorgaben allein aus dem christlichen Glauben zu holen habe. Diese Sicht wurde schon nach wenigen Jahren von einem Großteil der Moraltheologen geteilt. Heute hat sie nur noch wenige Befürworter.
  • Zu nennen ist schließlich noch das »Projekt Weltethos« von Hans Küng, das Auers scharfe Unterscheidung zwischen »Weltethos« und »Heilsethos« aufnimmt und dabei etwa feststellt: »Auch der Mensch ohne Religion kann ein echt menschliches, also humanes und in diesem Sinn moralisches Leben führen; eben dies ist Ausdruck der innerweltlichen Autonomie des Menschen«.
  • …so weit die Fakten. In meiner Zulassungsarbeit machen sie etwa drei Viertel des Textes aus. Bleibt die Frage: Wie urteilt man als evangelischer Christ? Wo liegen »Humanae vitae« und/oder Alfons Auer richtig? Wo nicht? Wie begründen wir unsere Ethik (sofern wir überhaupt eine haben…)?!

     

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