Autonome Moral? V

1. Mai 2007

Bereits 1969, ein Jahr nach »Humanae vitae«, meldete sich Alfons Auer konfrontativ zu Wort: In der (Tübinger) »Theologischen Quartalschrift« erschien seine Stellungnahme »Nach dem Erscheinen der Enzyklika “Humanae vitae”. Zehn Thesen über die Findung sittlicher Weisungen«. Auer stellte hier klar, dass es ihm nicht so sehr um inhaltliche Fragen gehe…sondern um eine Grundsatzdebatte: »Die folgenden Thesen … gehen von der Überzeugung aus, daß mit “Humanae vitae” eine bestimmte Form verbindlichen lehramtlichen Sprechens über Fragen der sittlichen Lebensgestaltung unverkennbar an ihre Grenze gekommen ist«.

Genau diese Stoßrichtung bestimmt auch das 1971 erschienene Werk »Autonome Moral und christlicher Glaube«. Auffällig ist dabei, dass von »Humanae vitae« nur an ganz wenigen (prominenten) Stellen die Rede ist. Es ging Auer um eine mehr oder weniger zeitlose Auseinandersetzung mit dem Autoritätsanspruch des päpstlichen Lehramts in sittlichen Fragen.

Worum geht es?!

  • Ähnlich wie »Humanae vitae« geht Auer davon aus, dass bereits die Natur, die »Wirklichkeit«, bestimmte »Regeln« für das menschliche Zusammenleben enthält. Der Mensch sieht, dass Realität und Ideal nicht übereinstimmen – und erfährt dadurch wesentliche Impulse. Hier zeigt sich die sogenannte »Seinsethik«, wie Thomas von Aquin sie begründet hat.
  • Die damit umrissene Moral ist nun aber »autonom« – sie kann von der menschlichen Vernunft begriffen und ausgelegt werden. Nachdem Gott – als »Erstursache« – die Natur mit ihren Sinnstrukturen geschaffen hat, tritt der Mensch in Aktion – als »Zweitursache«. Die Kompetenz eines Lehramts ist dafür nicht notwendig.
  • An Hand von Texten aus Altem und Neuem Testament zeigt Auer, wie er sich die praktischen Folgen dieser Grundbestimmung vorstellt: Zentrale »ethische« Texte der Bibel – z.B. die zehn Gebote, die Weisheitssprüche oder die Bergpredigt Jesu – entwickeln seiner Meinung nach keine eigene Moral. Vielmehr greifen sie bereits bekannte (eben autonom erkannte) Weisungen auf. Materialethisch ergibt sich durch die jüdische bzw. christliche Religion überhaupt nichts Exklusives. Dasselbe war Auer zu Folge auch in der Geschichte der christlichen Moraltheologie häufig der Fall.
  • Spielen religiöse Aspekte also gar keine Rolle, was Moral angeht?! Nicht ganz. Die »religiöse Integrierung« bereits bekannter Normen, so Auer, sorgt z.B. für eine »neue[] Motivation des Sittlichen«: Es macht einen Unterschied, ob ich irgendwelche Gebote zu befolgen versuche – oder Gottes Gebote.
  • Mit einer scharfen Mahnung leitet Auer zum abschließenden Teil über: »Die Moratlheologie [sic!] muß sich entscheiden, ob sie sich an der Stelle, an der sie sich befindet, eingräbt und ihre Position zementiert oder ob sie für heute und morgen wiederum zu verifizieren bereit ist, was … biblische und moralgeschichtliche Modelle für ihre Zeit zu leisten versucht haben«.
  • Auer würdigt die Versuche der katholischen Kirche, sich »um die Grundordnungen menschlich-sittlichen Lebens« zu bemühen. Er wehrt sich aber gegen eine zu detaillierte Vorgabe bestimmter ethischer Vorgaben, weil er dadurch die »autonome Moral« gefährdet sieht.
  • Die Kirche hat den Säkularisierungsprozess zu akzeptieren – auch im Bereich des Ethischen. Hier fällt u.a. der Name Dietrich Bonhoeffers.
  • Für das »Heilsethos« – Auer versteht darunter »das Gesamt jener Verbindlichkeiten, durch die die Abhängigkeit des Menschen von Gott und seine Gemeinschaft mit Christus ausdrücklich verifiziert werden« – ist das kirchliche Lehramt nach wie vor zuständig. Dies gilt jedoch nicht für den autonomen Bereich des »Weltethos« – des Gesamt[s] der aus der Sachordnung der einzelnen menschlichen Lebensbereiche sich ergebenden Verbindlichkeiten«. Hier muss sich die Kirche gelassen damit abfinden, dass ihr bestimmte Aufgaben und Zuständigkeiten aus der Hand genommen werden.
  • Ist die Kirche also zu völliger Untätigkeit gezwungen, wenn es um materialethische Entscheidungen geht?! Nein. Auer spricht von der Aufgabe, passende Formen des Weltethos religiös zu integrieren, das Sittliche zusätzlich zu stimulieren – und last but not least moralisch autonom entwickelte Konzepte zu kritisieren.
     
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