Autonome Moral? IV

28. April 2007

Bereits die Veröffentlichung von »Humanae vitae« an sich war natürlich ein deutliches Signal: Wer eigens eine Kommission einsetzt, diese jahrelang tagen lässt…und anschließend trotzdem überstimmt, der tut das mit einem bestimmten Autoritätsanspruch. Diesen formulierte Paul VI. im Vorwort der Enzyklika folgendermaßen: »Die Ergebnisse, zu denen die Kommission gelangt war, konnten von Uns … weder als endgültig betrachtet werden, noch konnten sie Uns davon entbinden, die schwerwiegende Frage persönlich zu untersuchen … Deshalb tragen Wir Uns nun mit der Absicht …, nach reiflicher Überlegung und mit inständigem Gebet, kraft des Uns von Christus übertragenen Amtes, Unsere Antwort auf diese schwerwiegenden Probleme zu geben«.

Das ist eine sehr grundsätzliche Position. Wie wird sie begründet?!

Interessant ist hier ein Blick in den (1992 veröffentlichten) »Weltkatechismus« der katholischen Kirche.

Dieses Dokument stellt zunächst fest, dass der Mensch »gottfähig« ist: Durch seine natürlichen Fähigkeiten kann er Gott grundsätzlich erkennen. Ein gewichtiges Problem ist allerdings die Sünde, die als eine Art Schwäche verstanden wird. Gotteserkenntnis wird somit zu einem schwierigen (aber nicht an sich aussichslosen!) Kampf.

Hier kommt nun die göttliche Offenbarung ins Spiel: »Deshalb ist es nötig, daß der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über “das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist”, damit es “auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann”«.

Konkret im Bereich der Moral gilt nun genau dasselbe: Zwar kann der Mensch eigentlich selbst erkennen, was gut und richtig ist. Konkret die zehn Gebote leuchten auch der Vernunft ein. Sie bilden eine Art »natürliches Gesetz«, das Gott von vornherein in die Schöpfung hineingelegt hat. Um aber »zu einer vollständigen und sicheren Erkenntnis der Forderungen des natürlichen Gesetzes zu gelangen«, bedarf der Mensch der Offenbarung Gottes.

Hier kommt nun auch das kirchliche Lehramt (samt Papst) ins Spiel: Es hat die – letztlich von Christus selbst übertragene – »”Aufgabe …, das … Wort Gottes authentisch auszulegen”«. Paul VI. drückt das folgendermaßen aus: »Es ist … eine unangefochtene Tatsache …, dass Jesus Christus dem Petrus und den Aposteln seine göttliche Autorität mitgeteilt hat, sie ausgesandt hat, allen Völkern seine Gebote zu verkündigen, und sie so dazu bestellt hat, das gesamte Sittengesetz zu bewahren und authentisch auszulegen, das heisst [sic!] nicht nur das Gesetz des Evangeliums, sondern auch das natürliche Sittengesetz, das ebenso Ausdruck des göttlichen Willens ist und dessen Erfüllung gleichermassen [sic!] zum Heile notwendig ist«.

Diese Sicht ist zwar durch und durch »katholisch«. Das änderte aber nichts an grundsätzlicher Kritik auch aus dem Lager genau dieser Konfession. Die deutsche Bischofskonferenz z.B. verfasste während einer außerordentlichen Vollversammlung in Königstein/Taunus ein »geradezu kühnes Dokument«, das in stark verklausulierter Form feststellt, man werde sich »in gemeinsamer Arbeit mit Priestern
und Laien um gangbare Wege der Ehepastoral bemühen«.

Gerade angesichts des »progressiven« Zweiten Vatikanischen Konzils wenige Jahre zuvor war die Enttäuschung groß. Viele erinnerten sich jetzt an einen unschönen Zwischenfall, zu dem es damals gekommen war: Im November 1964 hatte Papst Paul VI. die Vorlage für den Text »Lumen gentium« eigenmächtig um wenige Zeilen erweitert – und auf diese Weise die päpstlichen Befugnisse erweitert. »Humanae vitae« passte nun sehr gut zu diesem früheren Schritt.

Zu den Kritikern der Enzyklika im innerkatholischen Diskurs gehörte auch Alfons Auer – 1915 geboren, 1939 zum Priester geweiht, von 1955 bis 1966 Professor für Moraltheologie in Würzburg, von 1966 bis 1981 dasselbe in Tübingen.

Auer hatte sich schon früh mit dem Problem der Geburtenregelung befasst – und so war es kaum Zufall, dass auch er in die Päpstliche Kommission »für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit« berufen wurde.

Das Problem: Auer wollte die künstliche Empfängnisverhütung ausdrücklich erlauben. Und war somit Mitverfasser des Gutachtens der Kommissionsmehrheit. Und hatte keinen Erfolg.

…seine Reaktion?! War heftig. Und wird in Folge V geschildert.

Mich interessiert vor allem: Was haltet ihr von der Vorstellung eines »natürlichen Gesetzes« im Menschen? Gibt es das? Kann man es erkennen? Wer kann es erkennen? Wie?!

 

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