Autonome Moral? III

24. April 2007

Die Päpstliche Kommission »für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit« nahm also ihre Arbeit auf – und diskutierte intensiv (in mehreren Sitzungen jährlich) über die Frage der künstlichen Empfängnisverhütung.

Vom neuen Papst Paul VI. wurde sie Stück für Stück (auf zuletzt ca. 60 Mitglieder) erweitert. Um Missverständnisse zu vermeiden: Auch Frauen bzw. Verheiratete waren mit dabei. ;)

1966 kam es zu einer formalen Aufwertung: Das Gremium war ab sofort Kardinalskommission und damit besonders befugt. Eine konkrete Entscheidung stand unmittelbar bevor. Das hatte u.a. zur Folge, dass alle möglichen Lobbies und Personengruppen versuchten, öffentlich ihren Einfluss geltend zu machen, um das Ergebnis dementsprechend zu beeinflussen.

Zu einer Abschluss-Abstimmung kam es am 24. Juni 1966. Aber ein einheitliches Ergebnis…gab es nicht. Der Kommission war es unmöglich, ihre fundamentalen Meinungsverschiedenheiten zu bereinigen. Die Folge waren zwei unterschiedliche Voten:

Die deutliche (!) Mehrheit (Leitung: Kardinal Julius Döpfner) stimmte auf Basis eines neuen, auch humanwissenschaftlich bestimmten Verständnisses von Geschlechtlichkeit bzw. Ehe für die Erlaubnis künstlicher Empfängnisverhütung – allerdings mit der deutlichen Forderung, »daß der ganze Sinn des gegenseitigen Schenkens und der menschlichen Fortpflanzung in den Kontext wahrer Liebe verflochten bleibt«. (Von Libertinismus kann also keine Rede sein!) Wichtig war dabei eine Feststellung in der programmatischen Einleitung: »Da … moralische Verpflichtungen niemals in allen ihren konkreten Einzelheiten verdeutlicht werden können, muß immer die personale Verantwortung eines jeden einzelnen in ihre Rolle gefordert werden«. Erweitert wurde diese Stellungnahme durch ein moraltheologisches Fachgutachten, in dem versucht wurde, die Argumente der Minderheit zu widerlegen – u.a. mit der Feststellung, dass »doch in Wirklichkeit erwartet werden muß, daß das nicht unfehlbare Lehramt manchmal irrt«.

…eben die genannte Minderheit (unter der Leitung von Kardinal Alfredo Ottaviani) übergab dem Papst wenige Tage später (wohl ohne Wissen der Kommissionsmehrheit!) eine eigene Stellungnahme. Sie spricht sich dafür aus, an der ursprünglichen Lehre der Kirche festzuhalten. Besonders kritisch wird dabei argumentiert gegen »einige, die zu leugnen scheinen, daß die Lehrautorität der Kirche die Gewissen der Gläubigen in konkreten und Einzelfällen in jeder sittlichen Frage verpflichten kann«.

Die Entscheidung lag jetzt beim Papst – und dem fiel die Entscheidung sehr schwer. »Noch nie haben wir die Last unseres Amtes so empfunden wie in diesem Fall.« Zwei Jahre gingen ins Land. Bis der Vatikan für den 29. Juli 1968 eine Pressekonferenz ankündigte…

Die Mehrheit der Päpstlichen Kommission hatte dem Papst 1966 zusätzlich eine Art »Modell-Enzyklika« (in französischer Sprache) überreicht, an der sich Paul VI. hätte orientieren können. Wenn er sich denn der Mehrheit angeschlossen hätte. Was er aber nicht tat. Veröffentlicht wurde die (inzwischen wohlvertraute) Enzyklika »Humanae vitae«. Den Bischöfen ging zusammen mit dem Rundschreiben ein päpstliches Geheimschreiben zu. Paul VI. muss geahnt haben, dass die Reaktionen heftig ausfallen würden…

 

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