Autonome Moral? II

20. April 2007

Die allgemeinen Diskussionen rund um »Humanae vitae« wären vielleicht nicht ganz so heftig ausgefallen, wenn die Entstehungsumstände der Enzyklika nicht so kurios gewesen wären… Wenn ich die Ereignisse jetzt kurz schildere, wird gleichzeitig deutlich, warum zugleich eine innerkatholische Debatte losgetreten wurde…

Als Papst Johannes XXIII. 1959 das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) ankündigte, kam das sehr überraschend. Auch mit den progressiven Zielen – es sollte darum gehen, »das christliche Leben der Gläubigen zu erneuern und die kirchliche Disziplin den Bedingungen unserer Zeit anzupassen« – konnten viele Katholiken zunächst gar nichts anfangen. Das Erste Vaticanum (1869 – 1870) wirkte immer noch nach – und da hatte sich die katholische Kirche alles andere als modern gegeben.

Trotzdem: Schon bald kam es zu einer enormen Aufbruchsstimmung. Das Schlagwort der kirchlichen Demokratisierung wurde laut. Und tatsächlich: In der dogmatischen Konstitution »Lumen gentium« wurden – nach mehrfacher Überarbeitung – wegweisende Dinge beschlossen: Festgestellt wurde u.a. das Prinzip der bischöflichen »Kollegialität«. Das heißt: Die stark exponierte Stellung des Papstes (Bischof von Rom) wurde relativiert. Noch wichtiger: Zum »Volk Gottes« wurden ausdrücklich sämtliche Christen erklärt, also nicht nur Kleriker und Mönche. Joseph Ratzinger stellte anschließend fest: »Sie alle bilden das
eine priesterliche und königliche Gottesvolk«. Anders ausgedrückt: Nun durfte »die Niederhaltung und Entmündigung der Laien in der Kirche endgültig als erledigt betrachtet werden«.

Ganz folgerichtig betonte die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute »Gaudium et spes« in besonderer Weise die Eigenverantwortung des Menschen, der dank seines Gewissens in der Lage sei, selbst richtige moralische Urteile zu treffen.

(…wer sich jetzt fragt, wie es dann zu »Humanae vitae« kommen konnte, denkt auf dem richtigen Weg…)

Logisch: Ankündigung, Verlauf und Ergebnisse des weitgehend als enorm befreiend empfundenen Zweiten Vatikanischen Konzils hatten Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die in den 60er Jahren aufkommende gesamtgesellschaftliche Diskussion über Geburtenregelung und Empfängnisverhütung innerkatholisch rezipiert wurde. Hintergrund war dabei die »sexuelle Revolution« der 1960er Jahre, die – vor allem in Nordamerika und Westeuropa – zu einer bis dahin völlig ungekannten Offenheit im öffentlichen Diskurs über konkrete Fragen der Sexualität führte.

1961 kam »Anovlar« auf den europäischen Markt – die »Pille«. Eine wahre Sensation. Wenn man Zeitungsartikel von damals liest, gehen einem die Augen auf… Es wurde heftig diskutiert – und schon damals war die Problematik der Überbevölkerung in den Entwicklungsländern aktuell. (AIDS gab es dagegen noch nicht.)

Die katholische Position war eigentlich ganz klar: Schon 1930 hatte das Rundschreiben »Casti connubii« die künstliche Empfägnisverhütung kategorisch ausgeschlossen. Diese Position wurde vom Papst regelmäßig unterstrichen, geriet aber trotzdem in die Kritik: So trat z.B. John C. Knott, Direktor des »Family Life Bureau« der »National Catholic Welfare Conference«, zwar »Gerüchten entgegen, nach denen die Stellung der Kirche zur Empfängnisverhütung einer Revision unterzogen werden sollte«, gab aber »gleichzeitig zu verstehen, daß auch eine Vervollkommnung der Methode der periodischen Enthaltsamkeit nicht “die ganze Antwort” auf das Problem sein könne«. Wichtig: An der Debatte beteiligten sich von Anfang an und ganz selbstverständlich auch Nichttheologen, die die »Pille« überwiegend befürworteten. Für Furore sorgte 1963 die Veröffentlichung des Buchs »The time has come« von John Rock, einem katholischen Arzt aus Boston.

Die Frage der künstlichen Empfängnisverhütung wurde natürlich auch auf dem Zweiten Vaticanum verhandelt – allerdings ergebnislos. Neu war zwar, dass man jetzt erstmals positiv über Sex redete, ohne dass man dabei sofort auf den Aspekt der Fortpflanzung einging. Die Frage der Geburtenregelung erfuhr jedoch – auf Grund harter Auseinandersetzungen – keine konkrete Antwort.

Was tun?! – Am 23. Juni 1964 erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz einer speziellen Kommission, die Papst Johannes XIII. bereits im März 1963 eingesetzt hatte. Sie sollte sich der schwierigen Aufgabe annehmen – und arbeitete mehrere Jahre lang intensiv an der Thematik.

Bestand das gemeinsame Ergebnis in der Veröffentlichung von »Humanae vitae«?! Wir werden sehen…

 

Ein Kommentar zu “Autonome Moral? II”

  1. Leif meint:

    Hallo Daniel!

    Eine interessante Webseite hast du. Wünsche dir viele Besucher.
    Mach weiter so!

    Grüßle aus dem Schwabenland
    http://www.leif-gebhardt.net

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