Autonome Moral? I

17. April 2007

Am 29. Juli 1968 war es soweit. Selten war ein päpstliches Rundschreiben, eine »Enzyklika«, mit größerer Spannung erwartet worden. Nicht nur die katholische Kirche hielt den Atem an.

Das Ergebnis war ebenso knapp wie eindeutig: Das Dokument »Humanae vitae« (»Über die Geburtenregelung«) verbietet »die direkte, dauernde oder zeitweilig begrenzte Sterilisation des Mannes wie der Frau« – also die sogenannte künstliche Empfängnisverhütung – im Rahmen ehelicher Geschlechtsakte [ein furchtbar altmodischer Begriff, ich weiß – mir fällt aber ehrlich gesagt nicht ein, wie man das sonst ausdrücken soll...]. Ausgenommen sind davon lediglich notwendige medizinische Behandlungen, die eine Unfruchtbarkeit zur Folge haben (könnten).

Wie argumentierte Paul VI.?! Der entscheidende Kern seiner Argumentation ist der Hinweis auf die »untrennbare[] Verbindung der zweifachen Bedeutung des ehelichen Aktes, die von Gott gewollt ist und die der Mensch nicht eigenmächtig aufheben kann, nämlich die liebende Vereinigung und die Fortpflanzung«. Anders ausgedrückt: Sex muss immer offen bleiben für Kinder. Ein mögliches Gegenargument wird dabei gezielt abgewehrt: Auch wenn Ehepaare ausdrücklich Kinder wollen (nur eben nicht unbedingt jetzt), ist die Empfängnisverhütung im Einzelfall per se »sittlich schlecht«. Ein Ausweg bleibt: »[N]ach kirchlicher Lehre [ist es] erlaubt, sich für den Gebrauch der
Ehe in den unfruchtbaren Perioden an die natürliche, den Zeugungsfunktionen innewohnenden [sic!] Gesetzmässigkeit [sic!] zu halten«. Anders ausgedrückt: Abwarten…

Die Welt reagierte überwiegend kritisch. Man sprach von »einer bedauerlichen, vielleicht tragischen Situation« sowie einer »un-menschlich[en]« Verlautbarung (Günther Hunold). Bis heute wird »Humanae vitae« gerne erwähnt (oder gar zitiert), wenn die »Rückständigkeit« der katholischen Kirche bekräftigt werden soll.

Auffällig ist nun, dass die eigentlich verhandelte moralische Frage – »Was halten wir von Empfängnisverhütung?!« – gar nicht im Mittelpunkt der Diskussion stand. Ins Zentrum rückte eine viel grundsätzlichere Frage: »Ist der Papst zu solchen moralischen Vorgaben überhaupt berechtigt?!« Nicht nur der Inhalt der Enzyklika wurde kritisiert – viele nutzten die Gelegenheit zu einer Grundsatzkritik. In einer entsprechend aufgemachten »SPIEGEL«-Ausgabe rief z.B. Rudolf Augstein dazu auf, »gegen den Anspruch der römischen Kirche im ganzen Front [zu] machen«.

Solche Zeilen passen gut zu einer Zeit, für die Paul Tillich die Formel »Shaking of fundaments« prägte (die Formulierung stammt nicht vom »Time Magazine«, wie ich neulich noch glaubte…) und in der die (keineswegs nur studentische) »Empörung gegen ein sinnlos erscheinendes Leben und gegen die zynische Bevormundung durch bornierte Autoritäten« in einer radikalen Infragestellung des sogenannten »Establishment« (= Kirche, Staat, Elternhaus usw.) gipfelte.

Dieser Grundsatzdebatte möchte ich auf der Spur bleiben. Das heißt konkret, dass der eigentliche Inhalt von »Humanae vitae« links liegen bleibt (so spannend es wäre, darüber zu diskutieren – auch im Blick auf die damals schon aktuelle Entwicklungsländerproblematik). Auch die allgemeineren Debatten über den katholischen Naturbegriff, über den Unterschied zwischen prinzipieller und teleologischer Ethik usw. spielen keine Rolle. Meine Zulassungsarbeit beschäftigt sich letztlich mit der Frage, wie sich Moral begründet. Darf der Papst in die individuelle Moral der Christen eingreifen? Oder nicht (zu einem Gegenentwurf kommen wir bald…)? Was sagt ihr?!

…wie es weitergeht, erfahrt ihr nach der nächsten Maus. ;)

 

Ein Kommentar zu “Autonome Moral? I”

  1. Daniel meint:

    …noch ein Nachtrag: Paul Tillich sprach – schon sehr viel früher – vom “Shaking of the foundations” – so hieß ein Predigtband von 1948 (!).

Deine Meinung?!