Anvertraut…

9. August 2009

Nach meiner harschen Kritik an einer gewissen Auslegung von Matthäus 25,14-30 bin ich jetzt endlich eine eigene Alternative schuldig. Vor meiner Predigt stand die These: Der dritte Knecht im Gleichnis hat weder mit Faulheit zu kämpfen noch mit Angst vor seinem Herrn (wie in Matthäus 25,24f. als Ausrede vorgeschoben). Vor allem tappt er in die beliebte Falle des Vergleichens. Ist es Zufall, dass sich ausgerechnet bei Matthäus auch das Gleichnis »[v]on den Arbeitern im Weinberg« (Matthäus 20,1-16) findet?!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,

die Zeit ist knapp. Nur noch wenige Tage, dann wird Jesus verhaftet. Der Abschied von seinen Jüngern ist nahe.

Da vertraut Jesus seinen engsten Vertrauten drei Geschichten an. Dramatische Geschichten. »Die Zeit ist knapp«, rufen sie zwischen den Zeilen. »Für manche Dinge bleibt nicht ewig Zeit. Jesus mag von der Erde verschwinden, aber nicht aus unserem Leben. Aufgaben warten auf uns. Unser Einsatz ist gefragt.«

Die zweite dieser drei Geschichten hören wir heute als Predigttext. Matthäus 25, die Verse 14 bis 30.

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

»Das ist ungerecht! Was kann ich schon für mein Talent?!« Finster starrte er auf den Sack mit Silber, den er missmutig in eine Ecke gewuchtet hatte. Ja, sicher – wenig war das nicht. Aber weniger!

Das Gerücht hatte schnell die Runde gemacht unter den Angestellten: Ihr Herr würde gehen. Nicht für einige Wochen oder Monate – nein, gleich für mehrere Jahre. Ins Ausland würde er sich zurückziehen, vielleicht als Privatmann untertauchen… Schnell hatte sich auch Sorge breitgemacht unter den drei Knechten: Ob ihr Herr sie alle entlassen würde? Eine andere Möglichkeit gab es ja wohl kaum. Es sei denn… Aber das war unmöglich. Das Vermögen ihres Herrn – nicht einmal Jaron, der Tüchtigste von ihnen, wusste genau, wie hoch es war. Unglaubliche Summen nannte man sich.

Der Tag war tatsächlich gekommen. Er hatte es seinem Herrn gleich angesehen. Und so war er nicht überrascht, als er in die große Halle gerufen wurde. Jaron und Aidan waren schon dort. Seine beiden Kollegen. Immer etwas schneller halt.

»Ich muss euch etwas mitteilen«, fing ihr Herr an. Also tatsächlich! Er hörte gar nicht richtig hin. Erst zwei Stichwörter fesselten wieder seine Aufmerksamkeit: »Vermögen … anvertrauen.« Also tatsächlich! Ihr Herr wollte sein Vermögen nicht mitnehmen. Seinen treuen Knechten wollte er es überlassen. Natürlich »nur« zur Verwaltung — aber… Sein Herz machte einen Luftsprung. Überrascht war er von so viel Vertrauen – und auch stolz. Er, ein bevollmächtigter Stellvertreter mit Kapital! Auf seinen Herrn konnte man zählen!

»Jaron – kommst du bitte kurz?« Jäh fühlte er sich auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Jaron! Immer wieder – Jaron! Ja, der war der Pfiffigste von ihnen, keine Frage. Aber warum musste sein Herr das so deutlich raushängen lassen? Jetzt würde Jaron zuerst erfahren, wie hoch das Vermögen wirklich war.

Eigentlich ging es ihn ja nichts an. Er würde es noch früh genug erfahren. Aber die Neugier siegte. Leise folgte er den beiden — und lauschte an der Tür. Viel verstand er nicht. Aber die Geräusche waren verdächtig. Das Knirschen eines Handwagens. Und dann hörte er Jaron ächzen: »Vier Zentner…fünf Zentner.«

Fünf Zentner! Silber vermutlich. Eine schier unglaubliche Summe. Ihr Herr war also wirklich steinreich… Dreimal fünf Zentner — also insgesamt…

Rasch huschte er in die Halle zurück. Gerade noch rechtzeitig: Jaron stemmte schon seinen schwer bepackten Handwagen durch die Tür. Da waren sie, die fünf schweren Säcke Silber…

»Aidan! Jetzt brauche ich dich!«, rief sein Herr. Er würde sich also noch ein paar Minuten gedulden müssen. Aber die Aussicht, fünf Zentner Silber anvertraut zu bekommen, machte ihn geduldig.

Während er wartete, sah er, wie sich Jaron eifrig Notizen machte. Unglaublich, dieser Fleiß. Kaum hatte er das Geld bekommen, überlegte er auch schon, wie er es gewinnbringend einsetzen konnte…

Tja, fünf Zentner Silber… Die musste man erst mal vernünftig verwalten. Ob er das schaffen würde? Skepsis stieg plötzlich in ihm auf. Er war nie ein Mensch für richtig große Aufgaben gewesen… »[W]em viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern« [Lukas 12,48]… So fähig wie Jaron und Aidan war er nun mal nicht…

Die Tür zum Zimmer seines Herrn ging wieder auf. Aidan kam heraus. Ohne Handwagen. Dafür mit einer kleinen Schubkarre. Irritiert schaute er auf die aufgeladenen Säcke. »Aber…das sind ja nur zwei Zentner!«, zischte er Aidan zu, als der an ihm vorbeikam. „Wieso "nur"?«, fragte Aidan überrascht. „Weißt du, wie viel Geld das ist?« »Ja, schon… Aber Jaron, der hat fünf Zentner bekommen.« »Ach so? Na – er wird sich schon was dabei gedacht haben, unser Herr. Du weißt doch – Jaron ist unglaublich gut! Ich wäre mit fünf Zentnern überfordert.«

Er hatte keine Zeit mehr, die Worte nachklingen zu lassen. Jetzt wurde er hereingerufen. Aber er konnte sich schon denken, was passieren würde. Und war wenig überrascht, als ihm sein Herr einen Zentner Silber überreichte. Einen lumpigen Zentner. »Ich zähle auf dich!« Sein Herr blickte ihm vertrauensvoll in die Augen. Fast freudig. »Lügner!«, fuhr es ihm durch den Kopf. »Wenn du auf mich zählst, dann lass’ mich doch nicht so kurz kommen!« Ohne seinen Herrn noch eines Blickes zu würdigen, schleppte er den schweren Sack nach draußen.

Seine Gedanken glitten zurück. Vor vielen Jahren, da hatte er schon einmal für seinen Herrn gearbeitet. Damals noch als Tagelöhner – jeden Tag neu arbeitslos. Ein besonders erfolgloser Tag war es gewesen – nachmittags noch hatte er auf dem Markt herumgehangen. Niemand hatte ihn gewollt. Da war sein Herr gekommen. »Dich kann ich noch brauchen in meinem Weinberg!«, hatte er gesagt. „Ich will dir geben, was recht ist.« Er war mitgekommen.

Am Abend, da hatte er seinen Augen nicht getraut. Einen ganzen Tageslohn hatte er bekommen – einen Silbergroschen! Überglücklich war er gewesen. Den Ärger der anderen Tagelöhner hatte er nur am Rande mitbekommen: Die hatten auch einen Silbergroschen bekommen, einen Tageslohn. Damals hatte er am eigenen Leib gespürt: Dieser Herr ist besonders. Der behandelt Menschen ungleich – und doch gleich. Der weiß um Unterschiede — und gibt doch jedem, »was recht ist.«

Wenig später hatte sein Herr ihn fest eingestellt. Als einen von drei Knechten. Gut ging es ihm – und seiner Familie. Und jetzt lag ein ganzes Zentner Silber vor ihm – so viel wie zehntausend Silbergroschen! Ein wahres Vermögen, das er da verwalten sollte!

Aber die anderen hatten mehr bekommen. Weil ihr Herr sie für fähiger hielt. Tja – es passte wohl ganz gut, dass der »Zentner« im Griechischen auch »Talent« hieß. »Jedem nach seinem Talent! Und ich ziehe den Kürzesten!«

Einen Moment lang gingen ihm Aidans Worte durch den Kopf: »Ich wäre mit fünf Zentnern überfordert.« Ob der eine Zentner Silber ihn vielleicht entlasten sollte – ihn, der sich so schwer tat mit Finanzgeschäften? Ob diese Aufgabe vielleicht genau richtig für ihn war, maßgeschneidert von einem, der ihn durch und durch kannte? Aber dann fiel sein Blick auf Aidan. Auch der hatte schon begonnen, seine Geschäfte zu planen. »Du hast gut reden, Aidan“, dachte er. »Du hast ja ganz andere Möglichkeiten! Wenn ich wenigstens zwei Zentner hätte – ja, dann…«

Jetzt hatte ihn die Resignation vollends eingeholt. Was sollte er schon tun, mit seinem einen Zentner Silber? Er konnte ja noch froh sein, wenn er den zumindest nicht verlor!

Viele Jahre gingen ins Land. Den Zentner Silber, den hatte er längst vergessen. Gut versteckt war der – vergraben in einem tiefen Loch. Nur er kannte die genaue Stelle. Ja – er brauchte sich nichts vorzuwerfen. Sein Herr würde sein Silber zurückbekommen. Irgendwann – wenn er überhaupt mal irgendwann wieder kam…

Auf dem Markt sah er Jaron und Aidan oft Geschäfte machen. Ja, die hatten viel Talent. Auch sonst waren sie ihm meilenweit voraus, merkte er. Beide hatten Familien – und kümmerten sich prächtig um ihre Kinder. Er dagegen hatte Mühe, die Zeit mit seiner Frau und seinen beiden Kindern sinnvoll zu verbringen. Reden war einfach nicht seine Stärke – und sein Nervenkostüm war schon immer dünn gestrickt gewesen. Früher, da hatte er sich trotzdem bemüht – und sie waren eine glückliche Familie geworden. Er hatte auch so manches Talent neu entdeckt. Aber jetzt zog er sich immer mehr zurück. Oft saß er stundenlang da und starrte Löcher in die Luft.

Früher, da hatte er viel Zeit mit Freunden verbracht. Mit seiner einfachen, aber herzlichen Art war er immer gut angekommen. Er hatte ein Talent gehabt, einsamen Menschen Trost zu schenken – und die Türen zu ihren Wohnungen und Herzen zu öffnen. Aber auch da gab es doch Leute, die das viel besser konnten. Warum sollte er sich da noch groß bemühen?

Früher, da hatte er Hobbies gehabt und gepflegt. Joggen zum Beispiel, das hatte ihm gut getan. Aber jetzt fielen ihm ständig Menschen auf, die ihn überholten. Die hatten wohl noch mehr Talent. Da konnte er’s doch gleich lassen.

Endlos lang und langweilig wurden die Jahre. Völlig überraschend wurde ihm eines Tages gemeldet, sein Herr sei wieder da. Jaron und Aidan hatten Gepäck mit dabei – und, das sah er gleich, die Zahl ihrer Geldsäcke hatte sich beträchtlich vergrößert. Trotzig umklammerte er seinen einen Zentner. Seinem Herrn würde er schon erklären, warum es so gekommen war!

Jaron, so hörte er es durch die Tür, hatte sage und schreibe fünf Zentner Silber hinzugewonnen. Mit seinem sagenhaften Talent hatte er den ursprünglichen Betrag verdoppelt. Sein Herr war förmlich aus dem Häuschen: »Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!«

»[Ü]ber wenigem treu gewesen«? Seinen Humor hatte sein Herr wohl nicht verloren! Oder war das Sarkasmus? Was sollte er denn sagen, mit seinem einen Zentner? Oder war es anders gemeint? Dachte sein Herr etwa schon an das, was er Jaron in Zukunft anvertrauen würde? Würde das noch mehr sein?«

Auch Aidan war fleißig gewesen. Ihm waren zwei Zentner Silber ausgehändigt worden. Zwei Zentner Silber, das fiel ihm jetzt erst auf, waren auch viel weniger als fünf. Was hätte er selbst wohl mit zwei Zentnern Silber gemacht?

Natürlich hatte Aidan keine fünf Zentner dazu gewonnen. Sondern nur zwei. Doch was war das? »Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!« Genau dieselben Worte wie eben zu Jaron. Auch Aidan hatte seinen Auftrag also erfüllt. Auch er hatte seine Talente eingesetzt – so, wie er es konnte. Und seine Leistung…war dieselbe gewesen. Auch er hatte das Vertrauen seines Herrn gerechtfertigt.

In diesem Moment merkte er es wieder: Dieser Herr ist besonders. Der behandelt Menschen ungleich – und doch gleich. Der weiß um Unterschiede – und gibt doch jedem, »was recht ist.«

»Was wäre passiert, wenn ich auch…?« Doch es blieb keine Zeit mehr. Sein Herr rief ihn hinein. Er brachte sein Zentner Silber mit, doch so sehr er zu schleppen hatte an dem schweren Sack – er kam mit leeren Händen.

Die Enttäuschung stand seinem Herrn ins Gesicht geschrieben. Jetzt musste er retten, was zu retten ist: »Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: …« Schlagartig wurde ihm bewusst, wie schäbig diese Ausrede war. »… du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; …« – er wagte es nicht, seinem langjährigen Herrn in die Augen zu schauen und blickte auf den Zentner Silber, die zehntausend Tagelöhne – »und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.«

Einmal noch keimte Hoffnung in ihm auf: Was war schon ein Zentner Silber im Vergleich mit dem Gesamtvermögen seines Herrn? Das hatte sich ja noch verdoppelt! Da fiel es doch kaum ins Gewicht, dass er nichts dazu gewonnen hatte. Mehr als ein weiterer Zentner wäre das ja auch nicht gewesen…

Der zornige Gesichtsausdruck seines Gegenübers belehrte ihn eines Besseren: Sein Herr hatte gesät. Er hatte ausgestreut. Auch mit dem Einsatz seines dritten Knechts hatte er fest gerechnet. Er hatte sein Vertrauen in ihn gesetzt.

»So viel wert bin ich ihm also“, dachte er. »Weniger Talent als andere – aber doch so viel wert.«

Aber — war es nicht vernünftig gewesen, das eine Zentner Silber zu vergraben? Nicht auszudenken, wenn er es in windigen Geschäften riskiert hätte! Wer wusste schon, wann die nächste Finanzkrise kommen würde? Das musste sein Herr doch honorieren!

»Dann hättest du mein Geld [wenigstens] zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.« Wie bitte? Das Geld zu den Wechslern bringen? Diesen zwielichtigen Gestalten? Da hätte er es ja aufs Spiel gesetzt!

Ja – sein Herr hätte es gerne gesehen, wenn er etwas riskiert hätte mit seinem Talent. Auch der Misserfolg, das spürte er, wäre ihm dann vergeben worden. Alles wäre besser gewesen…als sein Zentner zu vergraben.

»Und was hätte ich mit meinem Talent alles tun können – in der Familie, im Freundeskreis, in meiner Freizeit? Wer auch immer mir mein Talent anvertraut hat – er muss sich etwas gedacht haben dabei… Ich hätte die Welt ein Stück schmackhafter gemacht, ein wenig heller. So wie bereits eine Prise Salz oder ein kleines Licht einen Unterschied machen.«

Tränen spürte er in seinen Augen. Tränen über so viele verpasste Chancen. Und benommen vernahm er die Worte seines Herrn: »[N]ehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.«

Amen.

Predigt, gehalten am 2. August 2009 in Stuttgart-Untertürkheim, und am 9. August in Stuttgart-Untertürkheim, Luginsland sowie Stuttgart-Untertürkheim, Rotenberg.

 

9 Kommentare zu “Anvertraut…”

  1. Gerald meint:

    Dieses schwierige Gleichnis als ausführlich neu nacherzählte Geschichte auszulegen finde ich besser als alle Prdigten und Kommentare, die ich bisher drüber gehört / gelesen habe! Supi!

  2. Friedensvikar meint:

    stilistisch und Formal: saugut! Auch zum lesen sehr angenehm . Mich haben die drei fremde Namen immer wieder irritiert (das ist aber nur ein Detail).
    Deine psychologische Deutung des 3. Knechtes (Neid/Vergleich/Selbstabwertung/selffullfilling loosing) kann ich viel abgewinnen und finde deshalb den Schluss deiner Predigt ganz und gar trostlos: was machst du mit all den Hörer die sich mit dem Typen identifizieren? Deine Beschreibung seine innere Konflikte ist teilweise so anschaulich, dass das für einige Menschen zu einer fatale Identifikationsfläche wird. Ich kann mir nicht vorstellen dass irgendetwas daran christlich ist die Leute in der contritio zu schicken und sie darin allein zu lassen. Auf gut Dt. die (vielleicht nur selbsternannte) Versager wissen um ihre Defizite, und dort brauchen sie Trost und bestimmt keine Höllenpredigt. Wohlbemerkt plädiere ich nicht dafür die Sperrigkeit herauszunehmen, aber der Schluss muss ausgelegt werden! Dessen bleibst du die Leidende schuldig.

  3. Daniel meint:

    Hallo Friedensvikar, vielen Dank für deine Rückmeldung! Das mit der “Identifikationsfläche” ist natürlich eine Gefahr. Andererseits habe ich doch versucht, in den Monologen des dritten Knechts vorzuführen, wie absurd seine Haltung letztlich ist – bis dahin, dass er ja auch das “Evangelium” der ungleichen Verteilung entdeckt (er wird nicht überfordert etc.). Deswegen habe ich sogar bewusst das Ziel verfolgt, dass sich möglichst viele mit dem dritten Knecht identifizieren (der ja auch absichtlich keinen konkreten Namen bekommt). Ich habe mich eher gefragt, ob die Predigt auch für “erste” und “zweite” Knechte was ist (für die der Wochenspruch dieses Sonntags eine Ermahnung war). Meinst du nicht, dass man die Kurve da kriegen kann, wenn nicht sogar muss? Und es gilt doch auch: Für den Knecht im Gleichnis ist es zu spät. Für die, die es hören, ja gerade nicht!

  4. Friedensvikar meint:

    ich bin völlig d’accord mit deine Auslegung von all den Stellen des Gleichnisses wo du Evangelium sehr schön herausarbeitest. Aber bleibt es nicht die Gefahr des enorm bedrohlichen Schlusses dass wenn er unkommentiert bleibt, die Leute aus Angst und schlechtem Gewissen handeln, und nicht aus dem Bewußtsein, dass ihnen viel gegeben worden ist. Dürfen wir uns hinstellen und den Leute erzählen: Schau hin, Gott hat dir soviel gegeben, mache was draus sonst bist du raus. ?(könnte so verstanden werden, oder?)
    Mir ist nicht letztlich nicht klar welchen Bezugspunkt/Bedeutung du das Talent im individuellen Heilsgeschehen zuweist.

  5. Daniel meint:

    Hmm…das “Heulen und Zähneklappern” wird schon das ganze eschatologische Spektrum abdecken – letztlich ist damit auch (!) die Hölle nach dem Tod gemeint… Gut, dass du auf die Gefahr der Predigt hinweist: Die Zuhörer könnten sich (trotz allem!) letztlich nicht er-, sondern entmutigt fühlen.
    Ich weiß halt nicht, ob es besser wird, wenn ich den Schluss konkret auslege. Ist das nicht so oder so ein Text, der eben in letzter Konsequenz von der Hölle redet, die auch Realität werden kann? Kann ich den Text überhaupt für die Gemeinde entschärfen, wenn ich ihn selbst nicht entschärft bekomme? (Meinen Glauben an einen durch und durch guten Gott schränkt das nicht ein – nur definiert halt letztlich Gott, was “gut” ist.) Bleibt am Schluss nicht einfach der Trost, dass andere Sonntage wieder andere Predigttexte bieten werden?

  6. Bastian meint:

    Eine geniale narrative Predigt! Die Verbindung des dritten Knechts mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist einfach nur wunderbar. Ich denke, dass mit dieser Verknüpfung auch das Evangelium in der Predigt offensichtlich verkündigt wurde.
    Sicherlich ist die Perikope “Von den anvertrauten Talenten” ein harter Brocken und kann letztendlich nicht entschärft werden. Aber man kann in einer Sonntagspredigt von ca. 20 Minuten nicht alle Aspekte des Evangeliums entfalten und daher muss man Schwerpunkte setzen.
    An einem Punkt habe ich mich jedoch beim Lesen gestört: Die Rückkehr des Herrn geschieht en passant. Sie wird im Vergleich zu den anderen Erzählteilen kaum erwähnt. Nach dem Lesen, habe ich überlegt, ob dies so gewollt ist. Denn dann würde der dritte Knecht mehr oder weniger in die Situation hineinrutschen, was seine Passivität noch deutlicher zum Ausdruck bringt. Ich weiß nicht, wie eine ausführlichere Inszenierung bzw. Erzählung der Rückkehr des Herrn (Tag des Herrn) wirken würde. Käme auf einen Versuch an…

  7. Daniel meint:

    Vielen Dank für’s Lob…und die interessante Anregung! Werde darüber nachdenken, wenn ich das Gleichnis demnächst nochmal genauer studiere.

  8. Ludwig meint:

    Ja, die Predigt ist gut erzählt, aber theologisch bleibt alles entscheidende außen vor und was wird den Zuhörern mitgegeben? Wo wird ihr Glaube gestärkt? Worüber sollen sie nachdenken meditieren?

    Die drei entscheidenden Fragen sind doch:

    Ist der mit Herr in diesem Gleichnis Gott gemeint oder nicht?

    Warum handelt der dritte Knecht so und ist dieses Handeln verwerflich oder nicht?

    Und für was steht die große Summe Geld?

    Wie immer gibt es viele Auslegungsmöglichkeiten und bei allen gibt es Haken.

    Wenn das anvertraute das Wort Gottes ist, ja dann ist es verwerflich es nicht leben zu lassen, sich nicht vermehren zu lassen. Aber gelingt mir dies immer? Bestraft mich Gott, wenn ích die Chancen des Evangeliums nicht nutzt?

    Wenn der dritte Knecht sich ganz bewusst einem geldgierigem Herrn verweigert so wie sich Jesus auch den Mächtigen in Jerusalem verweigert, ist seine Motivation rühmlich aber warum verschenkt er dann nicht das Geld an die Armen?

    Wenn der Herr Gott ist und der dritte Knecht wie in der Predigt seinen Chancen nicht nutzt, würde ich mich mit dem dritten Knecht idendifizieren und ich denke die meisten Zuhörer. Aber das passt nicht mit meinen Erfahrungen mit Gott zusammen. Er würde mich nicht bestrafen sondern heilen und ermutigen …

    Was bei der Predigt auch völlig unbeachtet bleibt, ist auch dass es zu dem Gleichnis bei Lukas eine Paralellstelle gibt und in dem Gleichnis einiges anders ist …

  9. Daniel meint:

    Danke für die Anregungen! Mir geht es allerdings nach wie vor nicht um eine allegorische Auslegung, die jedes kleine Detail genau interpretiert, sondern eher um das Gesamt-Geschehen. Was allerdings bleibt, ist der Vorwurf der Trostlosigkeit. Darüber werde ich weiter nachdenken müssen.

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