Amos und der Löwe…

22. Mai 2008

Der Löwe – König der Tiere. So wie Aslan in den »Chroniken von Narnia«. Nicht erst seit dem Kinderbuch-Klassiker von C.S. Lewis weiß man, dass sich der Löwe auch als Symbol für Gott anbietet – eben den größten aller Könige.

Auch im Umfeld des alttestamentlichen Propheten Amos – d.h. im (Nordreich) Israel des achten Jahrhundert v.Chr. – hat man die Löwenmetapher für Gott verwendet. Und man setzte vermutlich noch einen drauf: Unter Aufnahme diverser (assyrischer?) Traditionen verstand man den Gott als Löwen-Schutzgott, der einen vor Feinden und Gefahren bewahren sollte.

Hintergrund ist die Erwählung Israels (vgl. dazu besonders Deuteronomium 7,6-11) – und die daraus abgeleitete Sicherheit: Als Gottes Volk passiert uns nix. Und so – das haben Archäologen festgestellt – hat man das Löwensymbol u.a. an den Pfosten luxuriöser Betten befestigt – den Blick vom Schlafenden weggerichtet, versteht sich. Gut möglich, dass man dabei auch an eine »apotropäische«, d.h. magisch-abwehrende Funktion gedacht hat.

…die Besitzer eben jener Luxusbetten jedoch hat Amos vor Augen, wenn er feststellt (und zwar im Namen Gottes!): »Weh den Sorglosen zu Zion und weh denen, die voll Zuversicht sind auf dem Berg Samarias, den Vornehmen des Erstlings unter den Völkern …, die ihr schlaft auf elfenbeingeschmückten Lagern und euch streckt auf euren Ruhebetten« (Amos 6,1-4).

Wichtig: Die Erwählungsgewissheit Israels ist nicht das entscheidende Problem. Amos macht vielmehr deutlich: Erwählung kostet was: »Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde.« (Amos 3,2)

Keine Frage – Israel darf mit Gott rechnen: »… bereite dich, Israel, und begegne deinem Gott!« (Amos 4,12). Aber Gott ist eben nicht der beruhigende Löwen-Schutzgott. Sondern der Löwe, den Amos aus seiner bäuerlichen Vergangenheit kennt – ein Löwe, vor dem man Angst haben muss. Schon das einleitende Amosbuch-Motto verheißt nichts Gutes: »Der Herr wird aus Zion brüllen und seine Stimme aus Jerusalem hören lassen, dass die Auen der Hirten vertrocknen werden und der Karmel oben verdorren wird.« (Amos 1,2). Noch raffinierter ist die Passage Amos 3,3-8: Die Löwenmetapher taucht hier – streng grammatisch gesehen – nur auf der Bildebene auf, dient als Vergleich. Aber sie hat eben trotzdem inhaltliche Bedeutung: »Brüllt etwa ein Löwe im Walde, wenn er keinen Raub hat? Schreit etwa ein junger Löwe aus seiner Höhle, er habe denn etwas gefangen?« (Amos 3,4) Und schließlich: »Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der Herr redet, wer sollte nicht Prophet werden?« (Amos 3,8) Amos ist Prophet geworden – eben im Auftrag dieses brüllenden Löwen.

Nur in diesem Kontext macht der kurz darauf folgende Vers Amos 3,12 Sinn: »So spricht der Herr: Gleichwie ein Hirte dem Löwen zwei Beine oder ein Ohrläppchen aus dem Maul reißt, so sollen die Israeliten herausgerissen werden …«. Klingt ja erst mal positiv: Rettung in letzter Sekunde. So wird es auch oft ausgelegt. Aber Pustekuchen! Zwei Beine oder ein Ohrläppchen »herausreißen« – das war die Aufgabe für Hirten, die bereits ein Schaf an den Löwen verloren hatten – und jetzt irgendwie öffentlich beweisen mussten, dass sie tatsächlich mal ein Schaf besessen hatten (Versicherungsbetrug scheint nix Neues zu sein!). Von Rettung kann hier also keine Rede sein. Wenn Gott, der Löwe, zuschnappt, ist Israel definitiv verloren.

…keine leichte Botschaft also, die Amos da auf Lager hat – so beachtlich seine poetische Leistung auch ist. Sehr empfehlenswert ist übrigens »Wenn der Löwe brüllt« von Hermann Koch. Will zwar ausdrücklich kein »Roman« sein, liest sich aber mindestens genauso gut. Und wenn man Amos danach nicht für immer im Kopf hat… Also: Nicht vom 60er-Jahre-Cover abschrecken lassen!

 

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